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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

75 Jahre Nach Der Bombe: 6000 Grad in der lodernden Hölle von Hiroshima

03.08.2020

Hiroshima Mit jedem Tag, der verstreicht, fällt das Hoffen auf eine atomwaffenfreie Welt schwerer. Jahrein, jahraus appellieren Überlebende des Atombombenabwurfs auf die japanische Stadt Hiroshima an die Vernunft der Menschheit, erinnern an das Grauen, das Leid, den Wahnsinn des Krieges. Wenn die Welt am 6. August der Opfer des Atombombenabwurfs der USA vor 75 Jahren gedenkt, werden Politiker in aller Welt wieder wohlmeinende Reden halten.

Leere Floskeln

Doch empfinden viele sie als leere Floskeln: Kaum sei ein Jahrestag vorbei, „telefonieren die Politiker mit der Lobby der Rüstungsindustrie“, meint Kenichi Mishima, emeritierter Professor der Universität Osaka. Und in der Tat: Während die Überlebenden von Hiroshima altern, modernisieren die Atommächte ihre Arsenale.

Der Blitz der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe verwandelte Hiroshima damals in ein Inferno: Innerhalb von Sekunden machte eine Druck- und Hitzewelle mit mindestens 6000 Grad die Stadt zu einer lodernden Hölle. Drei Tage später zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Insgesamt starben in Hiroshima und Nagasaki 90 000 Menschen sofort, weitere 130 000 bis Ende des Jahres an den Folgen. Die genaue Opferzahl wird sich nie ermitteln lassen.

Von einem „himmelschreienden Anschlag“ auf die Menschheit sprach Papst Franziskus im vergangenen November bei einem Besuch in Hiroshima und Nagasaki. Während ein großer Teil der Menschen auf der Welt hungere und leide, würden mit neuen Waffen Vermögen gemacht. Er kritisierte einen „krampfhaften Rückgriff auf Waffen, als ob diese eine friedliche Zukunft gewährleisten könnten“.

Kurz zuvor hatte auch Bundesaußenminister Heiko Maas Hiroshima besucht und sich ebenfalls für nukleare Abrüstung eingesetzt. „Wir haben eine gemeinsame Verantwortung dafür, dass sich solches Leid niemals wiederholt!“, schrieb der SPD-Politiker wenige Monate vor dem 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs ins Gedenkbuch des Friedensmuseums. Klare Worte – doch ändert sich nichts.

Modernere Arsenale

Zwar geht die Zahl der Atomsprengköpfe in aller Welt zurück, Anfang dieses Jahres gab es schätzungsweise noch 13 400 solcher Sprengköpfe, geht aus dem Jahresbericht des Friedensforschungsinstituts Sipri hervor. Das ist weniger als ein Fünftel des Arsenals von etwa 70 000, über das die Atommächte zu Spitzenzeiten des Kalten Krieges verfügten. Doch die großen Atommächte modernisieren ihre Atomwaffenarsenale und machen sie damit einsatzfähiger.

Vor drei Jahren beschlossen zwei Drittel der UN-Mitglieder einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen. Die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats Großbritannien, China, Frankreich, Russland und die USA – allesamt Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind – traten dem Vertrag aber nicht bei. Deshalb will auch Deutschland nicht beitreten. Gleiches gilt für Japan.

„Vielleicht werde ich nicht lange genug leben, um die vollständige Abschaffung nuklearer Waffen mitzuerleben, aber es wäre schön, wenn dies passierte“, sagte die inzwischen 88 Jahre alte Überlebende des Atombombenabwurfs über Hiroshima, Setsuko Thurlow, kürzlich. Sie war 13 Jahre alt, als an jenem Morgen des 6. August 1945 der US-Bomber „Enola Gay“ die Atombombe „Little Boy“ über Hiroshima abwarf. Ihre Heimatstadt ist heute ein weltweites Symbol für Krieg – und für Frieden. Thurlow setzt sich mit anderen Überlebenden dafür ein, dass das Grauen nicht in Vergessenheit gerät.

Vergessenes Grauen

Laut einer Umfrage unter 4700 Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki gaben jedoch 78 Prozent an, dass es schwer für sie geworden sei, die Erinnerungen wachzuhalten. Nur 45 Prozent glauben, dass der Vertrag zum Verbot von Atomwaffen von 2017 tatsächlich zur Abschaffung aller Arsenale führen wird. Die Hoffnung schwindet. „Die Überlebenden werden irgendwann wegsterben“, sagte der 93-jährige Shoji Tanaka. „Wir werden die Abschaffung der Atomwaffen der nächsten Generation überlassen.“

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