IM NORDWESTEN - „Warst du schon mal so richtig verliebt?“, fragt Sven.
Da ist also diese Frau, sagt er, diese wunderschöne Frau. Sie betrügt dich mit deinem besten Freund. Sie nimmt dir all dein Geld. Sie tut dir weh. Aber wenn du zu ihr nach Hause kommst, ist da dieses Gefühl von Wärme. Geborgenheit. Heimat. Dieses Gefühl, das du immer wieder fühlen möchtest.
Sven nippt an seiner Cola, sein Blick wird hart: „Genauso ist es mit der Droge.“
Ein Besuch pro Woche
Es ist kalt draußen, auf dem Kopfsteinpflaster der Sonnemannstraße glänzt eine Eisschicht: Rutschgefahr. Sven kann das nicht sehen da drinnen hinter der Mauer, das Kopfsteinpflaster ist weit weg: drei Monate noch. Einmal pro Woche darf Sven bis dahin Besuch empfangen; der Besuch muss am Wachhäuschen unter dem Stacheldraht vorbei, durchs Stahltor, in die Schleuse, „ziehen Sie bitte den Mantel aus“, am Metalldetektor.
Sven Kunzel, 41 Jahre alt, ist ein drahtiger Mann mit festem Händedruck; früher hat er viel Kampfsport gemacht, sogar die Zeitung schrieb über seine Wettkampferfolge. Aber heute will er über seine Niederlagen sprechen, er wartet im flachen Besucherpavillon der Bremer Justizvollzugsanstalt hinter der Sicherheitstür. Besucher dürfen acht Euro in Münzen mitbringen, es gibt Chips und Weingummi aus dem Automaten. „Ich hätte gern eine Cola“, sagt Sven höflich, er kennt das ja. Er war in Nordenham im Gefängnis, in Meppen, jetzt sitzt er in Bremen ein, zehn Jahre seines Lebens verbrachte er bereits hinter Gittern.
„Eigentlich bin ich seit 15 Jahren eingesperrt“, sagt er, „wegen meiner Sucht.“ Kaum war er frei, klaute Sven im Kaufhaus, um Drogen kaufen zu können, er brach Autos auf, er verhökerte Hehlerware. Dann flog er wieder ein, wie das im Knastjargon heißt.
Denn da ist diese Frau. Du weißt, sie tut dir nicht gut. Aber du willst sie unbedingt wiedersehen.
Sven wuchs in der Wesermarsch auf. Sein Vater war Alkoholiker und verprügelte ihn täglich, seine Mutter interessierte sich nicht für ihn. Als Sven 10 war, starb der Vater. „Die Schläge hörten auf“, erinnert er sich. „Aber plötzlich war keiner mehr da, der überhaupt noch so etwas wie Erziehung leistete.“ Mit 12 riss Sven von zu Hause aus, nach drei Tagen kam er zurück, „wohin sollte ich auch gehen“. Die Mutter hatte nicht gemerkt, dass er weg war.
Aber die Drogen merken es.
Sven rauchte Haschisch, er war vielleicht 15. Da war es, dieses Gefühl, „zum ersten Mal im Leben habe ich Wärme gespürt“. Mit 21 spritzte Sven Heroin. Er hörte auf, wurde rückfällig, hörte wieder auf, wurde wieder rückfällig, seit 20 Jahren geht das nun so.
Kriminell im Knast
Hinter ihm sitzt in einem Glaskasten der Vollzugsbeamte, früher nannte man ihn Wärter. Aber Sven glaubt nicht, dass der Mann ihn vor der Droge beschützen kann.
Drogen können über eine Mauer fliegen. Sie können sich in Babywindeln verstecken, in Jackentaschen, in Körperöffnungen.
„Ein drogenfreier Knast ist utopisch“, sagt deshalb Bruno Bode, Leiter der JVA Meppen. Wer das wolle, müsste die Tore geschlossen halten, kein Besucher dürfte die Anstalt betreten. „Das wäre lebensfremd“, so Bode, „wir brauchen die sozialen Kontakte!“
Sven Kunzel schätzt, dass 60 bis 80 Prozent der deutschen Strafgefangenen drogenabhängig sind.
In Niedersachsen sitzen rund 5000 Gefangene im geschlossenen Vollzug, im Nachbarland Bremen sind es 556 Gefangene. Offizielle Zahlen zur Drogenabhängigkeit gibt es nicht, aber das Justizministerium in Hannover verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2006. Demnach gaben 41 Prozent der Befragten an, vor ihrer Inhaftierung Drogen konsumiert zu haben, 25 Prozent fühlten sich abhängig. „Die Zahlen sind nicht niedrig“, gibt ein Sprecher zu.
Andere bieten mehr: Das Bremer Justizministerium rechnet mit 55 Prozent, und Margot Reuter-Fizke, Leiterin der Vollzugsabteilung 25/2 in Bremen, in der auch Sven Kunzel untergebracht ist, hält sogar Svens 60 bis 80 Prozent für „ganz gut getippt“.
Hoffen auf Therapie
Im Besucherpavillon der JVA trinkt Sven einen Schluck Cola. „Ich glaube“, sagt er, „dass im Knast mit Drogenabhängigen nicht vernünftig umgegangen wird.“
Dass Drogen trotz der Kontrollen ins Gefängnis gelangen können, bestreitet kein Experte ernsthaft. Und wenn Drogen ins Gefängnis gelangen, dann werden sie dort auch konsumiert, weiß Sven.
Sven sagt, er sei im Gefängnis „immer tiefer reingerutscht“: in die Sucht, in die Illegalität, in finanzielle Schwierigkeiten, in gesundheitliche Probleme.
In Meppen lernte er dann das Drogenersatz-Medikament Subutex kennen, er hatte es sich auf dem schwarzen Markt besorgt. Er beantragte, in ein Subutex-Substitutionsprogramm aufgenommen zu werden. Eine Substitutionsmaßnahme verfolgt das Ziel, Abhängige unter medizinischer Kontrolle langsam von der Droge zu entwöhnen; die Programme sind umstritten. Svens Antrag wurde abgelehnt.
Niedersachsens Gefängnisärzte substituieren zurückhaltend, nur 424 Gefangene befinden sich derzeit landesweit in Ersatzprogrammen. Das Interesse drogenabhängiger Insassen an Substitutionen sei „natürlich“ sehr groß, sagt Meppens JVA-Leiter Bode. „Aber wer in einer JVA illegal Drogen konsumiert, ist kein Fall für die Substitution“, stellt Bode klar, „das wäre lebensgefährlich.“
In Meppen bekam Sven Magenkrämpfe und Muskelkrämpfe, er schlief nicht mehr. „Das sind typische Anzeichen eines Entzugs“, weiß Dr. Kirsten Schubert, Ärztin in der Bremer JVA. In Bremen wird großzügiger substituiert als in Niedersachsen, fast 30 Prozent der Insassen nehmen an Programmen teil. „Wir machen das vor allem als Infektionsschutz“, erklärt die Ärztin, „wir wollen vermeiden, dass die Gefangenen schmutzige Spritzbestecke benutzen.“ Sie sagt, die Gefangenen kommen ja wieder raus aus dem Gefängnis, sie haben Sex, teilen vielleicht wieder Spritzbestecke: „Wir haben eine Multiplikatorenfunktion!“ Schubert sagt: „Die Abhängigen sollen hier lernen, selbstreflektierend und konfrontativ mit ihrer Sucht umzugehen.“
Sven beantragte seine Verlegung nach Bremen. Dort wurde er ins Programm aufgenommen.
Subutex bekommt er allerdings nicht. Es sei zwar „das beste Medikament“, meint Anstaltsärztin Schubert, „weil es nicht so euphorisch macht und besser verträglich ist“ – aber es ist sehr teuer, und wegen seiner Tablettenform ist es leicht zu schmuggeln. „120 Euro bringt eine Tablette“, weiß Sven. Er wird jetzt mit Methadon behandelt, das ist billiger und wird flüssig verabreicht.
Sven Kunzel muss gleich zurück in seinen Haftraum, früher hieß das Zelle: neun Quadratmeter, Waschbecken, Toilette, Stuhl, Tisch, TV-Halterung. Den Fernseher zur Halterung kann man mieten, wenn man sein Geld nicht für andere Dinge braucht.
Entlassung im März
Im März kommt Sven raus. Er will sich eine Wohnung nehmen und einen Job suchen, „als Kellner bin ich richtig gut“. Die Substitution will er zunächst fortsetzen.
Ja, sagt er, ich bin wieder so richtig verliebt. Aber nicht in die Droge, sondern in meine Frau und meine beiden Kinder, sie leben in Oldenburg.
Es schneit, draußen herrscht erhebliche Rutschgefahr. Bleib nur diesen einen Tag clean, raten die Suchtexperten von den „Narcotics Anonymous“. Und morgen wieder. Und übermorgen auch. Sven dreht den Deckel auf die Cola-Flasche. Diesmal, sagt er, kann ich es schaffen.
*Name von der Redaktion geändert
