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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Oldenburger Im Terrorprozess: Islamisten provozieren hinter Panzerglas

09.09.2014

Düsseldorf /Oldenburg „Allahu akbar!“ (Gott ist groß) ruft Marco G. (27) und reckt beim Betreten des Saals im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts den Arm in die Höhe. Seine Sympathisanten in den Zuschauerreihen antworten murmelnd. Das schwarze Kopftuch nimmt der gebürtige Oldenburger genauso wenig ab wie Enea B. (44), der ebenfalls seinem Gott huldigt, als er in den Saal geführt wird. Den vier Angeklagten – neben Marco G. und Enea B. noch Koray D. (25) und Tayfun S. (24) – wird seit Montag der Prozess gemacht, weil sie als islamistische Terrorgruppe Mordpläne geschmiedet haben sollen.

Drei von ihnen bleiben demonstrativ sitzen, als die Richter den Saal betreten. Sie würdigen den Vorsitzenden Richter Frank Schreiber keines Blickes, als der ihre Personalien feststellen will und sie dazu anspricht. Sofort unterbricht ihn ein Verteidiger: „Herr B. hat kein Interesse daran, mit ihnen zu kommunizieren.“

Kaskaden von Einwürfen

Richter Schreiber kommt nicht einmal dazu, sich hinzusetzen, als er bereits von den Anwälten energisch angegangen wird. Die empören sich, dass der Richter den Prozess trotz ihres wenige Minuten zuvor verschickten Befangenheitsantrags eröffnen will. Die neun Anwälte feuern Kaskaden von Einwürfen, Rügen, Beanstandungen und Anträgen auf den Senat ab.

Alles, was Schreiber in den kommenden Minuten sagt, entscheidet und nicht entscheidet, wird angegriffen. Der Richter stellt stoisch alle Anträge der Anwälte zurück. Dann verzieht sich der verbale Pulverdampf, und die Vertreter der Bundesanwaltschaft können ausführen, worüber hinter viel Panzerglas, Beton und Metall überhaupt verhandelt wird.

Marco G. soll derjenige sein, der am 10. Dezember 2012 eine Rohrbombe in einer blauen Sporttasche an Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs deponiert hat. Der Deutsche ist in Oldenburg aufgewachsen. Aus der Anklageschrift erfährt man, dass der Vater die Familie früh verließ, dass der Junge in der Schule nicht klar kam. Früh hatte er Probleme mit der Polizei: Drogendelikte, Körperverletzung, Raubüberfall. Marco G. musste für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Da war er 19.

In der Jugendhaftanstalt Hameln soll Marco G. mit dem Islam in Kontakt gekommen sein. Nach der Entlassung konvertierte er und besuchte offenbar regelmäßig die Mayram-Moschee in Oldenburg. Später soll er auch seine Mutter überredet haben, zum Islam zu wechseln.

Ab 2010 radikalisierte Marco G. sich. Ein Jahr später schloss er sich der Salafisten-Szene in Bonn an. Nun droht ihm mit lebenslanger Haft wegen versuchten Mordes die höchste Strafe.

„Das war eine Bombenattrappe, keine Bombe. Die Behauptung, Bonn sei an einem Blutbad vorbeigeschrammt, ist falsch“, sagt sein Rechtsanwalt Peter Krieger. Nicht einmal das BKA gehe von einer echten Bombe aus, betont Verteidiger Mutlu Günal.

In der Tat hatte die Spurensicherung keinen Zündmechanismus bei dem Sprengsatz gefunden. Die Bundesanwaltschaft geht dennoch davon aus, dass er keine Attrappe war. „Es gab die klare Absicht zu töten“, hieß es aus Ermittlerkreisen. Die Ankläger sprechen am Montag von „weichen Zielen“.

Hunderte von Zeugen

Mit seinen drei mutmaßlichen Komplizen auf der Anklagebank soll Marco G. dann die Erschießung des Vorsitzenden der rechtsextremen Splitterpartei Pro NRW, Markus Beisicht, geplant haben. Beisicht hatte die Islamisten 2012 mit dem Zeigen der Mohammed-Karikaturen provoziert – und demonstriert am Montagmorgen mit gut 20 Gesinnungsgenossen draußen in Sichtweite des Gerichtsgebäudes, dass er gerne als Nebenkläger betreten hätte. Ein starkes Polizeiaufgebot hält Islamisten und Rechtsradikale auf Abstand.

Die tödlichen Schüsse hätte Enea B. abfeuern sollen, sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft. Wegen seiner Ausbildung bei einer Eliteeinheit der albanischen Polizei habe die Terrorgruppe ihn als besonders geeignet auserkoren. Weil die Angeklagten schweigen, sollen 150 Zeugen und eine Reihe von Sachverständigen nun klären, wer Recht hat: Prozessbeteiligte gehen davon aus, dass dies zwei Jahre dauern wird.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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