London - An dem klebrigen Lebensmittel „Marmite“ scheiden sich in Großbritannien die Geister. „Liebe oder hasse es“, lautet ein Werbespruch für die extrem würzige Hefe-Paste. Die einen können davon gar nicht genug auf ihren Toast schmieren, die anderen verabscheuen sie. Wenige Tage vor der britischen Parlamentswahl an diesem Donnerstag taucht nun ein neuer Spitzname für die Premierministerin auf: „Marmite May“.

Theresa May löse stark unterschiedliche Gefühle aus, sagt Jeniffer Hudson vom University College London. Eben wie „Marmite“. Mays Unterstützer setzen besonders viel Vertrauen und Hoffnung in die Konservative – aber wer kein Fan von ihr sei, der reagiere oft mit Wut. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, polarisiere dagegen nicht so stark, sagt die Wissenschaftlerin.

Als vor wenigen Wochen die regierenden Konservativen in Umfragen über 20 Prozentpunkte vor Labour lagen, schien May als strahlende Siegerin für viele schon festzustehen. Doch plötzlich schrumpfte der Vorsprung rapide – bis in den unteren einstelligen Bereich. „Das Rennen wird jetzt knapp“, meint der renommierte Politikwissenschaftler John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow.

Der Abwärtstrend der Konservativen hat auch mit Mays Entscheidung zu tun, nicht gemeinsam mit Corbyn in einem TV-Duell aufzutreten. Die Chefs der anderen Parteien nutzten die Chance, um im Fernsehen May und ihre Politik Stück für Stück zu demontieren. Auch das Wahlprogramm der Konservativen stieß auf Protest: Geplante Einschnitte bei den Pflegekosten kritisierte die Opposition als „Demenzsteuer“. „Es gab sofort eine Strategiesitzung“, sagt Matthew Goodwin von der Universität Kent. May setzt seitdem wieder auf das Thema Brexit – und verstärkt auf die Terrorabwehr.

„Jetzt reicht’s!“, sagte sie nach dem Anschlag auf der London Bridge mit Toten und Verletzten. Es war die dritte Terrorattacke binnen drei Monaten in Großbritannien. Im Kampf gegen Islamisten kündigte sie eine härtere Gangart an, etwa längere Haftstrafen für Terrorverdächtige. Ob das reicht? Man darf nicht vergessen: May hat in ihrer Zeit als Innenministerin dem Polizeiapparat gewaltig die Flügel gestutzt, um zu sparen. Corbyn verspricht in seinem Wahlprogramm, gleich 10 000 Polizisten mehr einzustellen. Das Thema gewinnt an Bedeutung.

Corbyn konnte mit seinen Wahlversprechen insgesamt an Boden gewinnen: höhere Steuern für die Reichen, das marode Gesundheitssystem auf Vordermann bringen, Energieunternehmen verstaatlichen, mehr Sozialwohnungen. „Corbyn schadet seiner Partei zurzeit weniger als er das noch vor vier Wochen getan hat“, sagt Curtice. Viele halten dem Labour-Chef aber noch vor, dass er sich als Parteichef kaum gegen den geplanten Brexit zur Wehr gesetzt hat. Und das Amt eines Premiers trauen ihm die meisten nicht zu – besonders in Extremsituationen.

Und es gibt noch ein Risiko für die Parteien: Großbritannien hat ein reines Mehrheitswahlrecht. Nur wer in einem der 650 Wahlkreise mehr Stimmen auf sich vereint als jeder Mitbewerber, erhält einen Sitz im Parlament. Curtice: „Selbst ein erheblicher Vorsprung in den Umfragen bedeutet nicht unbedingt eine große Mehrheit im Unterhaus.“

Aber warum tut sich May die Neuwahl überhaupt an? Erstens kann sie ihre knappe Regierungsmehrheit ausbauen und so mehr Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen bekommen. Zweitens könnte May sich vom Volk ein Mandat geben lassen. Denn die letzte Wahl hat David Cameron gewonnen. Nach dem Brexit-Referendum ging May aus einem unschönen Machtkampf als Nachfolgerin hervor. Und drittens haben May und ihre Tories so die Chance, sich die Macht bis 2022 zu sichern. Im normalen Turnus wäre die nächste Wahl 2020, also kurz nach dem EU-Austritt. Die Wirtschaft könnte dann straucheln, die Stimmung kippen.

Andere Parteien spielen keine große Rolle bei der Wahl. Der rechtspopulistischen Ukip droht sogar der Kollaps. Viele ihrer Wähler fühlen sich inzwischen mit Blick auf die Scheidung von der EU bei den Konservativen gut aufgehoben. „Die Konservativen werden wohl gewinnen“, glaubt Curtice. Aber das Ziel, die Regierungsmehrheit auszubauen, stehe in den Sternen.

Bleibt noch das Image-Problem: Corbyn gilt als ehrliche Haut, der sich nicht verbiegen lässt und vor allem junge Wähler anzieht. Mit May werden dagegen viele Briten nicht richtig warm. Sie wirkt kühl und distanziert. Das schmälere aber nicht ihre Chancen, erklärt Chris Prosser von der Universität Manchester. „Selbst Leute, die May nicht mögen, sind von ihren Fähigkeiten als Premierministerin überzeugt.“

Dass „Marmite May“ noch am Brexit scheitern könnte, gilt als eher unwahrscheinlich. Das wäre der Kultpaste fast passiert. Ein Preiskampf zwischen der Supermarktkette Tesco und dem Hersteller Unilever führte zu Engpässen. Britische Zeitungen sprachen von einem „Marmite-Krieg“ – ausgelöst durch das schwächelnde Pfund nach dem Brexit-Referendum.