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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Wie die Schimmels sich selbst versorgen

19.11.2018

Kalkhorst /Borkenhagen Dora ist ungeduldig. Sie ist eine Pünktlichkeitsfanatikerin. An diesem Tag im Spätsommer wartet sie schon eine halbe Stunde länger als sonst. Die anderen gucken bloß. Dora aber hat Termindruck: Das Euter drückt. Als ihre Bäuerin endlich kommt, über den Haaren ein Kopftuch, in der Hand einen Eimer, entspannt sich die Leitkuh, die auf der Wiese das Sagen hat.

Wie ein Hund trottet sie hinter Lina Schimmel her. Etwas entfernt folgt das Kalb. Die Kuh mit dem roten Fell gehört einer alten Nutzviehrasse an: Angler Rind. Ihre Milch nährt eine Familie, deren Lebensentwurf ebenfalls aus einem anderen Jahrhundert stammen könnte.

Ein selbstgemachter Zaun, ein Haus wie aus dem Freilichtmuseum, eine Scheune aus Holz, Obstwiese, Bienenkörbe, Teich. Mit dem Fahrrad ist man in wenigen Minuten an der Ostsee. Hier, im Klützer Winkel, haben die Schimmels einen Selbstversorger-Hof aufgebaut. Nur über einen Waldweg ist er zu erreichen. „Ich will so wenig wie möglich daran teilhaben, dass diese Welt kaputtgemacht wird“, sagt Lina Schimmel. Sie spricht aus, was im 21. Jahrhundert eine wachsende Zahl von Menschen bewegt. Aber möchte man gleich so radikal umsteuern?

Einfach weiter so?

Nachhaltig zu leben, ist nicht mehr nur ein Thema für Grünen-Parteitage und Öko-Freaks: In Portalen wie „nebenan.de“ bauen Großstadtbewohner längst Tauschringe auf. In Facebook- und Meetup-Gruppen tauschen sich Interessierte aus, wie sich durch Teilen, Selbermachen oder Verzicht wahlweise eine bessere Welt oder ein ruhigeres Gewissen erreichen lässt – je nach Anspruch.

Dabei gehe es „viel öfter darum, das Richtige zu kaufen, statt mal gar nichts“, schrieb jüngst die „Süddeutsche Zeitung“ kritisch über das Netzphänomen des Nachhaltigkeits-Hipsters. Doch es führt mit dazu, dass sich Unternehmen verstärkt auf Verbraucher einstellen, die wissen wollen, was genau sie konsumieren und wie es produziert wurde.

Dahinter steckt eine Frage, die sich angesichts des Klimawandels für viele in neuer Dringlichkeit stellt: Welchen Anteil hat der Einzelne – und was könnte ich selbst unternehmen? „Wenn ich mir die Bevölkerung anschaue, erkennen viele an, dass ein Einfach-weiter-so auf Dauer nicht gut gehen kann“, sagt der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt, 48, von der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg.

Die Schimmels haben daraus Konsequenzen gezogen – und versuchen, ihren sogenannten ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Aber welche Kompromisse sind dafür nötig? Und: Könnte ihr Leben Modell stehen für eine bessere, weil schonender mit ihren Ressourcen umgehende Welt?

Lange vor dem Trend

In der DDR war Steffen Schimmel Forstarbeiter. Als er Ende der 1980er das alte Bauernhaus kaufte, in dem sie heute leben, verlief die Grenze, die Deutschland in zwei Staaten teilte, gar nicht weit entfernt. Als die Schimmels nach der Wende zusammenzogen, regierte in Deutschland noch CDU-Kanzler Helmut Kohl. Man kam ohne Netzwerke wie Facebook aus, Klimawandel war nicht das Riesenthema wie heute.

Das Draußensein und die Arbeit mit Tieren zieht Steffen Schimmel bis heute vielem anderen vor. „Ich wollte vor allem mit den Pferden arbeiten“, sagt der 52-Jährige. „Und ich habe mir einen Weg gesucht, wie das geht.“ Lina Schimmel, 43, wuchs in Hamburg auf, der zweitgrößten deutschen Stadt. Schon der Vater habe die Natur geliebt, sie selbst als Schülerin vom Aussteigen geträumt. Bei Freunden lernten sich die beiden kennen.

Rhythmus durchs Jahr

Barfuß läuft Lina Schimmel durch den Gemüsegarten. Hinter einem verwitterten, moosbedeckten Zaun wachsen Kräuter, Obst und Gemüse. An diesem Tag erntet sie Dillsamen für die Saat im nächsten Jahr. Frühling, Sommer, Herbst und Winter: Sie geben den Rhythmus der Familie vor. Im Frühjahr ziehen Bert und Paul, zwei Kaltblüter, den Pflug durch die Äcker, um die Aussaat vorzubereiten. Im Sommer gehen sie mit dem Miststreuer über die Felder und Blumenwiesen, die den 60 Bienenstämmen als Nahrung dienen.

Die süße Produktion der Insekten ist eine der Rückfall-Optionen, die der Familie erlaubt, auf die andere Welt zuzugreifen – die Welt draußen, die Welt der Warenströme. Außerdem verkaufen die Schimmels Rindfleisch. Gekäst wird von Hand – „eine Art Gouda“ mache sie meistens, sagt Lina Schimmel, als sie mit einem Messer die Dickete aus Doras Rohmilch schneidet.

Bereits Ende Oktober – einer der wärmsten, den der Deutsche Wetterdienst verzeichnet hat – ist bei den Schimmels alles angerichtet für die kalte Jahreszeit. Nur ein paar Äpfel müssen noch gepflückt werden, ein wenig Lagergemüse muss in den Keller kommen: etwa Rote Bete und Möhren.

Während in vielen Teilen Deutschlands Bauern in diesem Jahr über Dürrefolgen klagen, herrscht bei den Schimmels Überfluss: Zwei Tonnen Honig haben die Bienen produziert. In normalen Jahren ist es die Hälfte. Weil es kaum geregnet hat, mussten die Tiere kaum im Stock bleiben. Um den Verkauf muss sich der Imker Schimmel nicht sorgen, weil Deutschland im Honigessen weltklasse ist: 1,1 Kilogramm pro Kopf und Jahr.

Als Dora am Morgen endlich gemolken wird, gibt sie ein wohliges „Muh“ von sich. Und sie hält still, bis Lina Schimmel fertig ist. Die Sonne steht noch tief. Das Geräusch des Strahls ist zu hören, der auf den Boden der Milchkanne trifft, abwechselnd aus zwei Euterzitzen.

Ein Tier, viele Funktionen

Die Kühe und anderen Tiere der Schimmels haben mehr als eine Funktion: Sie liefern Milch, Fleisch, Käse. Sie sind Lastenschlepper, Wächter, Schädlingsbekämpfer. Von dem knappen Dutzend Rindern, die auf dem Hof weiden, werden zwei für den eigenen Verbrauch geschlachtet. Sechs bis sieben werden verkauft.

Ein richtiges Krisenjahr? „Hat es noch nicht gegeben“, sagt Steffen Schimmel, Lina Schimmel bestätigt es. Mal fiel die Honigernte geringer aus, ein anderes Jahr warf das Getreide weniger ab. Zweifel an ihrem Lebensentwurf seien deshalb nie aufgekommen. „Das alles schlecht war, ist eigentlich nie passiert“, sagt er. Am schlimmsten sei es gewesen, als in einem Jahr unerwartet mehrere Tiere starben.

Einmal stürzte sich ein Greifvogel auf die Laufenten, die den Gemüsegarten von Schnecken befreien. Eine war schwer verletzt. An diesem Tag wurde Lina Schimmel klar, was es heißt, Verantwortung für die Tiere zu tragen: Noch nie hatte sie ein Tier getötet. Nun lag da eines und litt. Sie erlöste die Ente. Später gab es Entenbraten.

Freimachen geht nicht

1999 wurde der erste Sohn geboren, 2001 die Tochter, vier Jahre später der jüngste Sohn. Mit dem ersten Kind war es am schwersten, sagt die 43-Jährige. Manchmal fühlte sie sich am Ende ihrer Kräfte: Wenn der Kleine schrie und die Ernte einbracht werden musste. Auf den nächsten Tag verschieben, freimachen?

In der Stadt mag das gehen, aber nicht, wo Tiere und Pflanzen zu versorgen sind. Sich im Urlaub vom Alltag erholen? Schwer zu machen. „Im Januar waren wir mit Steffens Familie vier Tage in Dänemark. Länger machen wir das ungern.“ Lina Schimmels Mutter hütete den Hof. Unterstützung gab es von einer Nachbarin. Zum Melken kam ein Helfer.

Mit dem Auto zu Freunden und Sportvereinen gebracht werden? Den Kindern ist das fremd. Ein Auto besitzt die Familie nicht. Sie müssen mit dem Fahrrad zur Schule nach Kalkhorst fahren, auch im Winter. Drei Bushaltestellen gibt es in dem Ort. In gewisser Weise sind sie das Tor zur Rest-Welt, auch wenn ihre Namen kaum danach klingen: Kalkhorst-Dorf, Kalkhorst-Schule, Kalkhorst-Kirche.

Oben Flieger, unten Pflug

Manchmal fliegen bei der Feldarbeit Flugzeuge über Steffen Schimmel. Dann schauen oben aus den Fenstern Urlauber, Geschäftsleute und Berufspendler, sehen Landstriche zu geometrisch geformten Parzellen schrumpfen. Von oben ist er mit seinem Gespann höchstens ein winziger Punkt in der Landschaft. Ihn erinnern die Kolosse mit ihren Insassen an diese andere Art zu leben: die der Arbeitsverträge, des Welthandels und der Globalisierung. „Manchmal komme ich mir dann schon komisch vor, hier unten auf meinem Pflug“, sagt er.

Das Leben der Schimmels ist eines im Energiesparmodus. Fühlt es sich manchmal wie ein Verlust an, wie Verzicht? Lina Schimmel denkt nach. Dann sagt sie: „Als wir das letzte Mal in Berlin waren, da hat Steffen gesagt, er verstehe diese ganzen Leute nicht und was die alle hier machen, also auf eine emotionale Art.“

Seit Kurzem: Internet

Doch könnte das Leben der Familie ein Massenmodell sein, auch für jene, die heute in der Großstadt leben? Steffen Schimmel winkt ab. „Die, die die Flugzeuge bauen, muss es natürlich auch geben“, sagt er, und all die anderen. Das sei ihm klar.

Ein Deutschland, in dem eine Mehrheit es wie die Schimmels macht, ist vor allem ein Gedankenexperiment. Dennoch: Dass die Nachfrage steigt nach „sauberen“ Produkten, einem ruhigen Gewissen, merken sie im Klützer Winkel verstärkt. Seit Kurzem haben die Schimmels sogar Internet – denn mit den Bestellungen wurde es langsam etwas unübersichtlich.

Dass es bald viel mehr Menschen den Schimmels gleichtun könnten, glaubt auch Zukunftsforscher Reinhardt nicht. Darüber sagten Trends wie Urban Gardening und bewusster Konsum erstmal wenig: „eher in einer Generation, zwei Generationen, dass sich da wirklich etwas Grundsätzliches verändert“, urteilt er. Schließlich brauche es Zeit dafür und Wissen. Die Schimmels machen jedenfalls den Eindruck, als hätten sie beides.

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