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Kirchen blieben nach Wende leer

Von Andreas Otto

Frage:

Herr Kardinal, als die Mauer fiel, war es neun Monate her, dass Sie von Berlin nach Köln gewechselt waren. Mit wem haben Sie sich zuerst ausgetauscht?

Meisner:

Mit meinem jüngeren Bruder Peter in Thüringen. Ich fragte ihn damals am Telefon, ob die ganze Bewegung auch schon zu ihnen gedrungen ist. Er sagte mir, dass die Menschen alles über die Medien mitverfolgen. Der Mauerfall ging wie ein Erdbeben durch die Orte.

Frage:

Ein Jahr vor dem Mauerfall waren Sie noch in Berlin. Gab es damals schon Anzeichen für offenen Widerstand?

Meisner:

Nein. Allerdings war seit dem Dresdner Katholikentag 1987 eine Veränderung spürbar. Angesichts der Sowjetsterne auf vielen offiziellen Gebäuden der DDR sagte ich damals, dass wir als Katholiken nur dem Stern von Bethlehem folgen. Da brach wie aus einem Vulkan Beifall auf. Da kam zum Ausdruck, dass die Katholiken in der DDR nicht mehr durch andere bestimmt werden wollten.

Frage:

Der Einsturz des sozialistischen Systems kam also überraschend?

Meisner:

Ich wusste, dass der Kommunismus von innen her zerfällt. Aber ich ging davon aus, dass dies erst in 100 Jahren sein würde. Eine wesentliche Rolle spielte die polnische Solidarnosc. Und natürlich Papst Johannes Paul II. Im Ostblock stellte das katholische Polen immer einen Fremdkörper dar.

Frage:

Wie beurteilen Sie die Rolle der Kirchen bei der Wende?

Meisner:

Sehr differenziert. Die Bürgerrechtler konnten nur Räume nutzen, die der Staat nicht kontrollierte – das waren in erster Linie Kirchen. Deshalb wundere ich mich nicht, dass nach der Wende die Kirchen leer geblieben sind – denn dann konnte man überall frei sprechen.

Es war absehbar, dass der Kommunismus zerfällt. Das sagt der

frühere Berliner Bischof und heutige Kölner Kardinal Joachim Meisner.

Weitere Informationen und eine Infografik zur Berliner Mauer.

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