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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

EWE-Chef geht K.O. nach Klitschko-Affäre

08.02.2017

Oldenburg Um 15.52 Uhr ist das Schicksal des EWE-Chefs offiziell besiegelt: In einer sogenannten Ad-hoc-Mitteilung informiert der Energieversorger die Finanzmärkte über die Empfehlung des Aufsichtsratspräsidiums, „die Bestellung von Herrn Matthias Brückmann zum Mitglied des Vorstands und zum Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft mit sofortiger Wirkung zu widerrufen“. Frei übersetzt: Brückmann ist seinen Job los.

Endgültig über die Zukunft Brückmanns entscheiden wird der gesamte Aufsichtsrat laut EWE in seiner Sitzung am 22. Februar. Bis dahin wird der Vorstandschef sein Amt ruhen lassen.

Seit Oktober 2015 Vorstandschef

Matthias Brückmann steht seit Oktober 2015 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der EWE AG. Er folgte auf Dr. Werner Brinker. Dem Vorstand des Energieanbieters gehört der 54-Jährige bereits seit Juli 2013 an. Zuvor war Brückmann sechs Jahre Vorstandsmitglied beim Energieunternehmen MVV Energie in Mannheim. Der staatlich geprüfte Bauzeichner stammt gebürtig aus Heidelberg.

Dem Beschluss am Dienstag geht eine stundenlange Beratung in historischer Umgebung voraus: In der 115 Jahre alten Villa an der Oldenburger Gartenstraße Nr. 8, einst gebaut für einen Brennereibesitzer, heute EWE-Gästehaus, diskutiert das achtköpfige Präsidium seit 9.30 Uhr hinter verschlossenen Türen über die 253 000-Euro-Spende, die Brückmann eigenmächtig an die Stiftung der Boxer Vitali und Wladimir Klitschko überwiesen haben soll. Mit dabei sind zwei Gäste: Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die im Auftrag des Aufsichtsrats die Vorwürfe gegen Brückmann untersucht haben.

Prüfer mit am Tisch

Dass ihm diese Spende, von der er sich PR-Termine mit Wladimir Klitschko als Gegenleistung erhoffte, das Genick brechen könnte, hat sich Brückmann selbst zunächst am wenigsten vorstellen können. Noch am Donnerstag präsentiert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung selbstbewusst und unangreifbar: Er habe sich rechtlich nichts vorzuwerfen, sagt er; er sehe keinerlei Gründe für den Aufsichtsrat, seine Position infrage zu stellen.

In den folgenden Tagen bemerkt er aber offenbar, dass der Gegenwind stärker bläst. Am Montag sagt er ein vereinbartes Gespräch mit dieser Zeitung 20 Minuten vor dem Termin ab und verschiebt es auf Dienstag nach der Präsidiumssitzung. Dann werde man „auf jeden Fall“ miteinander sprechen, „egal, was dabei rauskommt“. Hinter vorgehaltener Hand ist im Konzern bereits von zunehmenden „Muffensausen“ die Rede. Auch das Gespräch kommt nicht zustande.

Brückmann wird auch nicht entgangen sein, dass vermeintliche Weggefährten in Deckung gehen. Jürgen Krogmann etwa, SPD-Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg und im EWE-Aufsichtsrat Vertreter des größten Anteilseigners, äußert sich öffentlich nicht zu den Klitschko-Plänen. Dabei kennt Krogmann Brückmanns PR-Ideen ebenso wie die Teilnehmer einer Aufsichtsratssitzung der EWE Baskets, wo Brückmann von Klitschko ausführlich berichtet. Einzige offizielle Stellungnahme des Rathauses zu den Klitschko-Plänen: „Es gab nie eine offizielle Anfrage.“ Die Hinweise darauf, dass die Luft für den Vorstandschef dünner wird, verdichten sich täglich.

Unterschätzt hat Brückmann möglicherweise auch den Sturm der Empörung, der im Hause EWE bläst. Mehr als 300 Kommentare finden sich im firmeneigenen Intranet zu den Vorwürfen, darunter zahlreiche Rauswurf-Forderungen. Brückmann hatte sein Amt im Oktober 2015 als Erneuerer angetreten. „Das gefällt nicht jedem“, sagte er mehrfach, „und ja: Ich bin Leuten auf die Füße getreten.“ Dass sich aber in nur 13 Monaten eine so große Zahl an Gegnern ansammeln würde, dürfte ihn überrascht haben.

Nach hinten los geht offenbar auch ein letzter verzweifelter Rettungsversuch für Brückmann am vergangenen Freitag. Die restlichen zwei EWE-Vorstandsmitglieder und andere Führungskräfte des Konzerns stellen sich in einem Brief an den Aufsichtsrat demonstrativ hinter den Vorstandschef und sprechen ihm „allseitig das vollste Vertrauen“ aus. Später ist zu hören, dass offenbar nicht alle Führungskräfte dem Schreiben in ihrem Namen zugestimmt hatten.

Gleichzeitig sagt Brückmann eine geplante Reise nach Japan ab. Er wolle vor der Diskussion nicht davonlaufen und vor Ort bleiben, heißt es dazu bei der EWE. Es gibt aber auch Hinweise, dass einige internationale Gesprächspartner wenig erfreut sein sollen über die hitzige Diskussion in Deutschland.

Ist es also allein die Klitschko-Spende, die zum Rauswurf Brückmanns führte, wie von verschiedener Seite beteuert wird? Oder handelt es sich dabei eher um die „Spitze des Eisbergs“, wie es in gut unterrichteten Kreisen heißt?

Herbst 2016, plötzlich tauchen anonyme Briefe auf. Sogar mehrere, die in unterschiedlichem Wortlaut verschiedene vermeintliche Fehler Brückmanns anprangern. Auch die Spende an die Klitschko-Stiftung ist Thema.

Verschickt werden sie an ausgewählte Mitglieder des Aufsichtsrates. Der Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke (CDU) bekommt einen Brief. Mit der Landtagspost. Tagelang bleibt der Umschlag liegen, „Briefe ohne Absender sind nicht die ersten, die man aufmacht“, sagt er. Erst als Schönecke von einem anderen Aufsichtsratsmitglied auf den ungewöhnlichen Inhalt hingewiesen wird, öffnet er das Schreiben.

Besonders brisant: In der Aufsichtsratssitzung im November ist die Überweisung über München nach Kiew aus dem Oktober nicht bekannt. Eine Spendenliste liegt angeblich nur bis September vor. Versehen oder Absicht? Er habe es versäumt, den Finanz- und Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates vorab zu informieren, erklärt Brückmann später. „Dies war ein persönlicher Fehler.“

Der Aufsichtsrat reagiert schnell auf die anonymen Briefe, fordert Brückmann zu einer Stellungnahme auf. Die fällt offenbar nicht zufriedenstellend aus. Im Dezember beauftragt das Gremium KPMG, alle Vorwürfe gegen den Vorstandschef unter die Lupe zu nehmen.

Aus dem Aufsichtsrat heißt es später, man habe die Vorwürfe „nicht auf die leichte Schulter nehmen“ können. Brückmann hätte das Gremium über die Spende informieren müssen. „Das ist kein Büroversehen“, heißt es.

Brückmann selbst gilt als überzeugt davon, dass die PR-Aktivität, die er mit Klitschko, den er persönlich kennt, vereinbart habe, sehr viel mehr wert ist als eine Zahlung in Höhe von 253 000 Euro. Der Fachbegriff für eine solche Übereinkunft lautet: Sponsoring. Ein Problem darin, dass er eine Sponsoringleistung als (steuerrechtlich attraktivere) Spende deklarierte, sieht er offenbar nicht. Spenden dürfen rechtlich nicht an Gegenleistungen gekoppelt sein.

Spende oder Sponsoring?

Vielleicht hat auch dieser etwas selbstgefällige Umgang mit Geld dazu beigetragen, dass die Unterstützung für Brückmann zuletzt schwand – ebenso wie seine Erklärung, er werde die Summe aus eigener Tasche erstatten. Der Versuch, damit die Diskussion im Keim zu ersticken, scheitert. In den Sozialen Netzwerken im Internet, aber auch in politischen Kreisen wird die vermeintliche Großherzigkeit eher als Großspurigkeit gedeutet. Oder auch als Taktik: Wenn die Summe erstattet wird, gibt es keinen möglichen Geschädigten mehr. Das könnte eine Rolle spielen für die Staatsanwaltschaft, die derzeit die Aufnahme von Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue prüft. Oder zielte Brückmann damit auf den Aufsichtsrat, der über seine Zukunft befinden würde?

Genützt hat es nicht: Das Aufsichtsratspräsidium hat sich nun gegen Brückmanns Verbleib im Unternehmen ausgesprochen. Die finanziellen Auswirkungen der Trennung für Brückmann und die EWE sind noch unklar.

Das bringt die EWE noch in eine andere Verlegenheit, denn viel Vorstand gibt es derzeit nicht mehr. Nachdem im September 2016 erst Nikolaus Behr im Zuge der sogenannten Spitzelaffäre ausschied und drei Monate später auch Vorstandskollegin Ines Kolmsee ging, die offenbar wenig Rückhalt im Vorstand hatte, verbleiben nach Brückmanns Entmachtung nur noch zwei relativ neue Köpfe: Michael Heidkamp, seit Herbst 2015 im Amt, und Wolfgang Mücher, seit April 2016 dabei.

Und Heidkamp könnte sich ebenfalls unangenehmen Fragen ausgesetzt sehen. Von ihm stammt die vorgeschriebene zweite Vorstands-Unterschrift auf der Spendenanweisung für die Klitschko-Stiftung.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
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