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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Computerpanne half Entführern

28.08.2017

Köln Zwei Aktionen der RAF waren 1977 schon schiefgegangen: Die gescheiterte Entführung des Bankiers Jürgen Ponto am 30. Juli und der missglückte Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am 25. August. Dabei sollte Ponto eigentlich als Geisel für die Freilassung der inhaftierten RAF-Gefangenen dienen. „Big Raushole“ wie die Aktion in Kassibern genannt wurde, sollte Baader, Ensslin, Raspe und anderen die Freiheit bringen. In der Haft wurden die RAF-Leute langsam unruhig. Sie setzten die verbliebenen RAF-Mitglieder unter Druck. Die Botschaft ihres angekündigten Suizids war klar: Ihr holt uns raus, oder wir beenden die Sache hier drin.

Als einer der profiliertesten Exponenten der Machtelite galt der RAF Hanns Martin Schleyer, Präsident des Arbeitgeberverbandes und des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Auch dem BKA war die Gefährdung Schleyers als mögliches Ziel einer Entführung oder eines Attentats klar, ebenso dem BDI-Präsidenten selbst.

Unterdessen bereiteten die in Freiheit verbliebenen RAF-Terroristen Brigitte Mohnhaupt, Peter-Jürgen Boock, Stefan Wisniewski, Sieglinde Hofmann, Rolf Heißler, Rolf Clemens Wagner und Christian Klar Schleyers Entführung vor. Allen Beteiligten war klar, dass das nur mit Waffengewalt und unter Inkaufnahme von Verletzten oder Toten vonstatten gehen würde. Schleyer hatte Personenschutz.

Am 1. September fiel einem Anwohner in der Straße Am Raderthalgürtel in Köln ein geparkter Alfa Romeo mit zwei Frauen auf. Es war die Straße, die zu Schleyers Wohnung führte. Am Tag darauf waren die beiden Frauen wieder da. Der Anwohner informierte die Polizei. Die erschien, doch die Überprüfung der Kennzeichen und der Personalien klappte nicht, weil der Polizeicomputer ausgefallen war.

Am Montag, 5. September, am späten Nachmittag, ließ sich der Arbeitgeberpräsident nach Hause bringen. In einem zivilen Polizeiwagen folgten die zu seinem Schutz abgestellten Beamten: Reinhold Brändle (41), Roland Pieler (20) und Helmut Ulmer (24). Kurz bevor der gepanzerte Wagen Schleyers an seiner Wohnung eintraf, schlugen die Entführer zu. Gestoppt von einem Kinderwagen auf der Fahrbahn, bremste Schleyers Fahrer Heinz Marcisz.

Fahrer und Begleiter tot

Der Polizeiwagen fuhr auf. Sofort begann eine Schießerei, wobei die RAF-Leute zwei Sturmgewehre einsetzten. Schleyers Begleiter und sein Fahrer waren sofort tot. Schleyer wurde in einen VW-Bus gezerrt. Schleyer wurde narkotisiert: „Das tut ja nicht nötig“, lallte er. „Was hier nötig ist, bestimmen wir“, herrschte Boock ihn an.

Die Nachricht von Schleyers Entführung und dem Tod seiner vier Begleiter traf die Republik wie schon bei der Buback-Ermordung wie ein Schock. Wieder erfolgte eine großräumige Straßensperrung mit Kontrollen. Doch Schleyer war längst in seinem ersten Versteck, einem Apartmenthaus mit zahlreichen Wohnungen in Erftstadt-Liblar.

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) erklärte im Fernsehen: „Während ich hier spreche, hören irgendwo sicher auch die schuldigen Täter zu. Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollten sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf Dauer keine Chancen, denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des gesamten Volkes.“ Das war staatstragend, aber gab genau die Einschätzung Schmidts wieder, die die gesamten 44 Tage im Herbst kennzeichnen sollte: Den Terroristen wird nicht nachgegeben. Schon einmal, bei der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz in West-Berlin hatte der Staat nachgegeben und inhaftierte Terroristen freigelassen. Noch einmal wollte Schmidt nicht nachgeben.

Zehn Tage blieb Schleyer in diesem Versteck. Unterdessen begannen die „Verhandlungen“. Die Entführer übermittelten ihre Forderungen: Freilassung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Verena Becker, Werner Hoppe, Karl-Heinz Dellwo, Hanna Krabbe, Bernd Rösner, Ingrid Schubert und Irmgard Möller bis Mittwoch, 7. September. Sie sollten von Frankfurt aus in ein Land ihrer Wahl fliegen, außerdem sollte jeder 100000 DM bekommen.

In Absprache mit Oppositionsführer Helmut Kohl (CDU) setzte Kanzler Schmidt auf Verschleppung und Zeitgewinn. Ununterbrochen tagten der große und ein kleiner Krisenstab.

Erste Hinweise ignoriert

Bereits am 7. September gab es einen Hinweis auf die Wohnung, in der Schleyer gefangen gehalten wurde. Die Wohnung war aufgefallen, weil sie in einem Hochhaus und in Autobahnnähe lag, die Mieterin (Monika Helbing wie sich später herausstellte) hatte den Mietvorschuss in bar bezahlt, dabei waren dem Hausmeister ein Bündel Geldscheine in der Handtasche der Frau aufgefallen. Doch das Fernschreiben an die Ermittler blieb unbeachtet. Ein Polizist der Polizei Bergheim kontrollierte sogar das Haus und stand vor der Wohnung. Doch auch ein zweites dringlicheres Fernschreiben der Polizei Bergheim hatte keine Wirkung. Erst nachdem die Wohnung im Februar 1978 gekündigt worden war, stieß man auf Schleyers Versteck und die ungenutzte Spur. Mittlerweile war auch den Entführern klar, dass die Bundesregierung auf Zeit spielte. Um die Kommunikation der Gefangenen zu unterbinden, wurden sie isoliert. Erst später wurde das durch das sogenannte Kontaktsperregesetz legitimiert.

Die Bundesregierung hatte den Genfer Anwalt Denis Payot gebeten, als Vermittler aufzutreten. Er sollte zwischen den Gefangenen und Entführern vermitteln. Die Gefangenen wurden befragt, in welches Land sie ausreisen wollten. Unterdessen fühlten die Entführer sich nicht mehr sicher in Erftstadt. Sie brachten Schleyer am 15. September, spätestens am 16. September in einem Weidenkorb nach Amsterdam, später nach Brüssel. Elf Tage, Schleyer zu befreien, blieben ungenutzt.

Der größte Teil der Gruppe flog nach Bagdad. Stefan Wisniewski blieb mit einigen anderen in Brüssel und bewachte Schleyer. In Bagdad entwickelte die Gruppe den Plan, der Entführung Schleyers durch eine Flugzeugentführung Nachdruck zu verleihen. Nach anderen Angaben soll der Vorschlag von Carlos-Mitkämpfer Johannes Weinrich gekommen sein. Die Palästinensische Volksbefreiungsfront PLFP, eine Terrororganisation, hatte eine Untergrundorganisation, die von Wadi Hadad geleitet wurde. Seine Spezialität waren Flugzeugentführungen. Er bot an, dass seine Kämpfer eine Lufthansa-Maschine entführen würden.

Die Maschine wurde in der Tat am 13. Oktober auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt entführt. Nach einem Irrflug landete sie schließlich in Mogadischu, wo ein Spezialkommando des Bundesgrenzschutzes (GSG9) die Geiseln unversehrt befreite. Noch in der Nacht verübten die drei RAF-Gefangenen Suizid. Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erschossen sich, Gudrun Ensslin erhängte sich, die vierte Gefangene, Irmgard Möller wurde mit schweren Stichverletzungen in der Brust gefunden.

Die Leiche Hanns Martin Schleyers wurde am Tag darauf im Elsass gefunden.

Nächste Folge: Die Entführung der Landshut.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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