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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Köln hadert mit seinem Karneval

06.02.2018

Köln /Ganderkesee Maureen Wolf vergleicht es mit dem Ansturm einer Horde Untoter. Als sie am 11. November aus dem Fenster ihrer Gaststätte „Bei Oma Kleinmann“ geschaut habe, sei es wie bei „The Walking Dead“ gewesen, einer US-Zombieserie: schwankende Gestalten, nicht mehr Herr ihrer Sinne. „Die verrichten da draußen mittlerweile einfach alle Geschäfte. Es geht schon lange nicht mehr nur um das Pinkeln“, sagt Wolf. „Wenn wir morgens kommen, liegen die schon in den Hauseingängen in ihrem Erbrochenen.“ Man könnte an dieser Stelle hinzufügen: Willkommen im Kölner Karneval!

Der 11. November ist der traditionelle Auftakt für die Karnevalszeit, die in den kommenden Tagen mit Weiberfastnacht (8. Februar), Karnevalssonntag (11. Februar) und Rosenmontag (12. Februar) ihren Höhepunkt erreicht. Das Fest gehört in vielen Regionen zum Kulturgut, vor allem in Köln, einer Millionenstadt mit Konfetti in den Adern. Doch spätestens seit dem 11. November 2017 rumort es gewaltig in der Schunkel-Metropole.

So schlimm war es noch nie

Auslöser waren die Exzesse an diesem Tag. Menschen betranken sich hemmungslos, pinkelten in jede freie Ecke, erbrachen sich, hinterließen Müllberge oder lagen als Schnapsleiche dazwischen. Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) mussten zeitweise den Betrieb stoppen, weil Menschen auf den Gleisen waren.

Man könnte entgegnen: Das ist doch nix Neues. Aber viele Kölner sind der Meinung: So schlimm war es noch nie. Und es müsse sich ändern. So denkt auch Wirtin Wolf aus der Zülpicher Straße, einem Ausgehviertel, in dem es besonders heftig war. „Hier spielen so viele Probleme ineinander“, sagt Claudia Uerlich von der örtlichen Interessengemeinschaft „Kwartier Latäng“. Es sind zu viele Menschen, die an Karneval kommen – und mit ihnen kommen Urin, Streit, Müll.

Aus Sicht des Psychologen Stephan Grünewald kommt ein allgemeines Phänomen hinzu: der Trend zum Draußenfeiern. „Draußen ist man ganz anders wild.“ Und warum ausgerechnet Köln? Es sei auffällig, sagt Grünwald, dass sich die schlimmsten Exzesse an Stellen ereigneten, die „ziemlich verwahrlost“ gewesen seien. Vom öffentlichen Raum gehe dann „keine erzieherische Wirkung aus. Nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, uriniert es sich völlig ungeniert.“

Für den Rest der Republik dürfte es skurril wirken, dass Köln plötzlich mit seinem Karneval hadert. Grünewald, Leiter des Marktforschungsinstituts Rheingold, wundert sich weniger. Gerade Köln sei sensibler geworden. „Vor neun Jahren stürzte das Stadtarchiv ein, dann gab es die Silvesternacht mit sexuellen Gewalt- und Diebstahlexzessen“, sagt er. „Die Stadt will Stabilität. Und da haut es voll rein, wenn der kultivierte Überschwang, den Köln immer konnte, in das komplett Archaische abrutscht.“

Mehr Sicherheit, mehr Barrikaden, weniger Bier

Nach dem elften Elften sprach sich Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) für einen „Runden Tisch“ mit Vertretern von Kölner Karneval, Stadtgesellschaft und Behörden aus, um die Zustände in den Griff zu kriegen. Herausgekommen sind mehr Sicherheitsmaßnahmen, mehr Absperrungen gegen Überfüllung, mehr organisiertes Programm und neue Regeln für Bierbuden. Die Stadt baut zudem ihr Toilettenangebot auf rund 700 aus – vorher waren es 80.

Ein paar Nummern kleiner geht es in einer der närrischen Hochburgen des Nordwestens zu – auch wenn in Ganderkesee (Landkreis Oldenburg) immerhin rund 40 000 Zuschauer beim „Fasching um den Ring“ jedes Jahr die Straßen im Zentrum der 32 000-Einwohner-Gemeinde säumen. Zur Unfallverhütung am Umzugstag haben die Organisatoren vor drei Jahren die Aktion „Glasfrei um den Ring“ ins Leben gerufen. Sie hat zum Ziel, Glasbruch einzudämmen. Außerdem werden entlang der 3,3 Kilometer langen Umzugsstrecke 100 Mülltonnen aufgestellt.

Mit zahlreichen Mobiltoiletten entlang der Strecke und an den Sammelplätzen möchte die Gemeinschaft Ganderkeseer Vereine (GGV) Alternativen zum „Wildpinkeln“ bieten – wenngleich sich Letzteres nie gänzlich vermeiden lasse, räumt GGV-Sprecher Timo Vetter ein. Einige Anwohner zäunen jedes Jahr ihre Gärten regelrecht ein.

Für die Teilnehmer des Umzugs am 10. Februar hat Vetter noch einen Tipp parat: Fast alle großen Festwagen hätten Campingtoiletten an Bord. „Wenn es ganz dringend ist – einfach mal bei befreundeten Gruppen anfragen!“

Karoline Schulz
Redakteurin, Agentur Schelling
Redaktion Ganderkesee
Tel:
04222 8077 2745

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