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Welt-Alzheimer-Tag Gemeinsam gegen das Vergessen

Yuriko Wahl-Immel

KöLN - Ergraute Damen plaudern über alte Zeiten, entsteinen dabei Pflaumen und stimmen gut gelaunt „Hoch auf dem gelben Wagen“ an. Die betagten Bewohnerinnen leben in einer Demenz-WG in Köln. Sie alle leiden unter der unheilbaren Krankheit, die ihre Hirnzellen absterben und ihr Gedächtnis erlöschen lässt. Keine von ihnen kommt noch alleine zurecht, Heim oder Unterbringung in der Familie waren für sie nicht denkbar. „Uns geht es doch gut hier“, sagt Ella Küllchen, die mit ihren über 80 Jahren zu den aktivsten unter den neun Frauen gehört. Sogar eine Delegation aus Japan war schon da, um sich das Kölner Wohnmodell anzuschauen. Nicht nur hierzulande wird die Gesellschaft immer älter – und das Thema Demenz drängender.

In Deutschland gelten rund 1,2 Millionen Menschen als dement, wie Experten am Welt-Alzheimer-Tag an diesem Mittwoch berichten. Die meisten leiden unter der häufigsten Demenz-Form Alzheimer.

Extrembelastung

Mehr als 60 Prozent werden Zuhause gepflegt, was für die Angehörigen eine Extrembelastung ist. „Das Interesse an dem System Demenz-WG wächst in Köln und anderen größeren Städten“, sagt Stephanie Jung von der Caritas, die mit ihrem Team in der Wohngemeinschaft angestellt ist und 24 Stunden am Tag nach dem Rechten sieht. Neben der Betreuung rund um die Uhr gibt es weitere Vorteile: „Man ist im Viertel integriert, hat Gesellschaft und Privatsphäre, kann die eigenen Möbel mitbringen. Und die Angehörigen haben einen Schlüssel und können jederzeit kommen.“

Die WGs ähneln dem häuslichem Umfeld und lassen viele Freiräume zu. „Es kostet weniger als ein Heimplatz, aber von den Angehörigen ist schon Einsatz gefragt“, weiß Jung. Gerade schaut Sabine Stein mit ihren Kindern rein.

„Für meine Mutter ist es optimal hier, sie hat keine festen Essens- und Schlafenszeiten. Sie isst, was sie will und wann sie will – und wenn sie jeden Abend Eierlikör haben wollte, würde sie den kriegen.“

Während ihre achtjährige Tochter Theresa mit Oma im Wohnzimmer Ball spielt, wird in der Küche lauthals gesungen. Volkslieder aus der Kinderzeit, die – wie auch alte Erinnerungen aus den Jugendtagen – noch erstaunlich präsent sind, auch wenn die Demenz sonst fast alles verblassen lässt. „Wir waren damals sechs Kinder, ich musste immer viel anpacken“, erinnert sich Ella Küllchen. „Und ich musste ein Jahr lang den Haushalt führen, sonst hätte ich keine Lehrstelle gekriegt“, sagt Maria Scharff. „Wir haben früher auf dem Schulweg immer Kastanien gesammelt und dann haben wir die gegessen“, erzählt Annemarie Dreier. Dass die Gespräche nicht rund laufen, stört niemanden. Die Gemeinschaft tut allen gut.

Nur Helga Malangré sitzt schweigend dazwischen, bis die junge Besucherin Theresa fragt: „Darf ich dein Klavier benutzen?“ Und so sitzen die beiden am Piano der 84-Jährigen, die Klavierlehrerin war, aber heute nicht mehr aus eigenem Antrieb spielt. Jetzt aber geht es plötzlich ohne Noten und fehlerfrei. Obwohl Demenzkranke auf früher Erlerntes – je nach Fortschreiten der Krankheit – eigentlich kaum oder gar nicht mehr zurückgreifen können. Auch das ist ein Plus, ein offenes Haus mit Besuch und Impulsen von außen.

Der WG-Flachbau umfasst ein Zimmer pro Bewohnerin, drei Bäder und einen geräumigen Wohn- und Küchenbereich. Neben Stephanie Jung sind tagsüber eine Krankenpflegerin und eine Haushaltskraft da.

„Wir sind bemüht, Ressourcen zu erhalten und zu fördern, was die Damen noch können von früher“, sagt Pflegerin Marion Holl. Das kann etwa Bügeln oder Kochen sein. Wer will, kann stundenlang Musik hören oder begleitet rausgehen. Möglichst viel soll selbstbestimmt sein bei den Frauen zwischen 57 und 93 Jahren. Eine Ergotherapeutin kommt ins Haus.

Eine Ahnung bleibt

Alle Damen wissen noch, dass die Angehörigen, die regelmäßig zu Besuch sind, irgendwie zu ihnen gehören. Wo sie sich befinden, ist aber längst nicht allen klar. So glaubt Ella Küllchen, sie sei in Kur: „Wenn ich mal älter werde, könnte ich dann hier wohnen?“

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