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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Fernsehen: Krimi-Reihe als Kulturgut etabliert

13.02.2014

Berlin Bier, Bundestrainer, Bundesregierung – und „Tatort“: Das scheinen die wenigen Themen zu sein, bei denen jeder in Deutschland eine Meinung hat. Am Sonntag (16. Februar, 20.15 Uhr) läuft mit dem Ludwigshafener Fall „Zirkuskind“ der 900. Film in der beliebten ARD-Reihe. Die Krimireihe präsentiert Fälle aus verschiedenen Städten und umfasst auch Österreich und die Schweiz.

Im vergangenen Jahr schalteten in Deutschland laut ARD im Schnitt 9,4 Millionen Menschen bei den Erstausstrahlungen ein. In der Mediathek „DasErste.de“ wird ein „Tatort“ zurzeit durchschnittlich eine Million Mal aufgerufen. Besonders nachgefragt waren zuletzt die neuen Ermittler, etwa Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar, Til Schweiger in Hamburg oder Wotan Wilke Möhring in Norddeutschland.

„Wir sind stolz, dass nach bald 44 Jahren und 900 Folgen „Tatort“ die Zahl der Fans immer noch wächst“, sagt der beim WDR in Köln angesiedelte „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke. „Der ,Tatort‘ bindet und verbindet – besonders auch die jungen Zuschauer – ob in Social Media oder beim Rudelgucken in Kneipen. Wir sind heute schon gespannt auf die 1000. Folge.“

Gesprächsstoff seit 1970

Der „Tatort“ sei „Teil der bundesdeutschen Kultur“, meint auch der Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview des Magazins „Neon“. Die ARD-Sonntagskrimis sorgten seit 1970 immer wieder für Gesprächsstoff. Der „Tatort“ ist Kulturgut geworden und breitete sich nach der Wiedervereinigung auch ins ostdeutsche „Polizeiruf 110“-Gebiet aus.

Doch auch die „Tatort“-Klischees sind zahlreich: Oft sei er zu sehr auf aktuelle Gesellschaftsprobleme getrimmt, bringe betuliche Charaktere hervor, stelle reiche Leute oder Unternehmer fast nur negativ dar oder betone auf peinliche Art das Privatleben der Ermittlerfiguren.

Doch trotz allem – oder gerade deswegen? Der „Tatort“ ist eine Art Bundeskrimi, der den deutschsprachigen Raum verbindet. Gab es in den Anfangsjahren maximal einen „Tatort“ pro Monat, so können die Fans heutzutage mit jährlich etwa 35 neuen Folgen von mehr als 20 verschiedenen Teams rechnen. Historisch sind Deutschlands größte Städte auch die Orte mit den meisten „Tatorten“, wie eine neue, genaue Auswertung der Fan-Seite „tatort-fundus.de“ ergeben hat. Vorne liegt demnach München. Dort waren 92 Krimis angesiedelt. Es folgen Hamburg (80 Filme), Berlin (75), Frankfurt am Main (67) und Köln (63). Auch Österreichs Hauptstadt Wien ist mit bislang 61 Filmen gut dabei.

Spätestens seit den 1990er Jahren erlebte die Reihe eine stärkere Regionalisierung. Heute sind Städte wie Münster und Kiel beliebte „Tatort“-Schauplätze. Dank des Einsatzes überregional ermittelnder LKA-Mitarbeiter gibt es auch Krimis, die etwa auf der Insel Langeoog spielen.

Dienstälteste „Tatort“-Ermittlerin ist zurzeit Lena Odenthal, die seit 25 Jahren in Ludwigshafen im Einsatz ist. Ihr erster Fall lief am 29. Oktober 1989. Odenthal – gespielt von Ulrike Folkerts – gehört zu den starken Frauenrollen, die die Reihe – wenn auch relativ spät in ihrer Geschichte – hervorbrachte. Die Schauspielerinnen Maria Furtwängler, Eva Mattes, Sabine Postel oder Adele Neuhauser sind bis heute im Dienst, Andrea Sawatzki oder Nina Kunzendorf waren es ein paar Jahre, Simone Thomalla ist es noch bis 2015.

Unvergessen bei den Männern sind zum Beispiel der charmante Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy), der 1980 in Essen den Dienst quittierte oder das singende Ermittler-Duo Brockmöller und Stoever (Charles Brauer und Manfred Krug), das 2001 in Hamburg aufhörte.

Prestige und Bürde

In Berlin ermittelten in den 90er Jahren Schauspieler wie Günter Lamprecht oder Winfried Glatzeder, zuvor auch mal Heinz Drache. In München war in den 80ern Helmut Fischer im Einsatz, in Hamburg von 2001 bis 2008 Robert Atzorn.

Bis heute gilt eine „Tatort“-Hauptrolle als großer Prestige- und Promistatus-Gewinn für Schauspieler, auch wenn mancher – wie der am Sonntag abgetretene Berliner „Tatort“-Star Dominic Raacke – sie manchmal als Bürde empfindet. Die Fakten zur Fernsehreihe scheinen unerschöpflich.

Mit seiner Vorliebe für Currywurst und das Wort „Scheiße“ hat wohl der schlagfertige Duisburger Ermittler Horst Schimanski (Götz George) das größte Kultpotenzial innerhalb der Reihe. 1991 schied der Polizist mit der ungewaschenen Jacke mit seinem Partner Thanner (Eberhard Feik) nach zehn Jahren aus. „Schimi“ schaffte es 1985 sogar ins Kino („Zahn um Zahn“). Später bekam er eine lose Reihe in der ARD.

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