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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Land unter an der Ostsee

06.01.2017

Lübeck /Usedom Der Imbiss von Petra Hofmann sieht aus, als habe ein wütender Riese damit gespielt. Eine Wand ist weggerissen, das Haus am Steilhang von Usedom steht teilweise in der Luft. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie am Donnerstag nach der heftigen Sturmflut. „Meine Existenz ist weg.“ Seither ist die Gaststätte im Ferienort Zempin eine Ruine.

Schneller als erwartet

Eine verhängnisvolle Kombination ist es, die zur schwersten Sturmflut an der Ostsee seit 2006 führt: Zum einen wütet das Tief „Axel“, zum anderen führt die Ostsee mehr Wasser als sonst, weil Westwinde große Massen aus der Nordsee hineingedrückt haben. Man kann vermutlich von Glück reden, dass in der Sturmnacht kein Mensch zu Schaden kommt.

Das Wasser steigt schneller und höher als erwartet. In Lübeck rauscht die Trave mit ungewöhnlich viel Wasser am bekannten Holstentor vorbei. Der Fluss überspült die Uferstraßen. In einige Häuser dringt Wasser ein. Parkbänke saufen ab. Am Morgen tauchen sie langsam wieder auf.

Diamant Thaçi hat alles aus einer Wohnung an der Obertrave beobachtet. „Am Abend hatten wir schon ein bisschen Angst, als das Wasser kam“, sagt Thaçi. „Das war kein gutes Gefühl.“ Sein Garten sei jetzt ein Schwimmbad.

Straßen werden überschwemmt, Autos überflutet, Dämme überspült. Vor allem die Ostseeinseln Usedom und Rügen trifft es hart. „Das ist kein Kindergeburtstag. Das ist schlimmer als erwartet“, sagt der Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald, Achim Froitzheim.

Entlang der Ostseeküste am Vormittag dann die erste Schadensbilanz: Während die Städte recht glimpflich davongekommen sind, sind die Schäden an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern deutlicher. Auf Rügen, am Strand von Binz und Prora, ist die Düne streckenweise in einer Tiefe von drei bis acht Metern abgebrochen. Strandaufgänge sind im größeren Umfang zerstört, schildert der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider. Auch die aus dem Loriot-Film „Pappa ante Portas“ bekannte älteste Seebrücke Deutschlands im Seebad Ahlbeck auf Usedom hat Schaden genommen, sagt Bürgermeister Lars Petersen.

Die Kreidefelsen von Rügen haben dagegen die Sturmflut unversehrt überstanden. „Wir haben alles kontrolliert, es gibt keine Abbrüche“, sagt Ingolf Stodian vom Nationalparkamt nach einer Fahrt zu den Wahrzeichen von Deutschlands größter Insel.

Auch in den Nachbarländern wütete der Sturm. Die dänische Wetterbehörde DMI spricht angesichts des hohen Wasserstands mancherorts von einem „Jahrhundertereignis“. In Polen wurden Stromleitungen unterbrochen und Häuser überflutet. Am Flughafen Danzig mussten Flüge umgeleitet werden.

Kniehohes Wasser

„Zum zweiten Mal in 35 Jahren war es so extrem“, erzählt in Lübeck Klaus Siebert, der an der Obertrave einen Friseursalon hat. Kniehoch war das Wasser ans Haus geschwappt, am feuchten Backstein sieht man es. Schäden gibt es nicht. „Das Haus ist so gebaut, dass es überflutungssicher sein soll. Aber das Schlimme ist, man weiß nie, wann Schluss ist.“

Ganz in der Nähe zeigt ein Schild die Hochwasserlinie vom 13. November 1872. Sie erinnert in Augenhöhe an die Katastrophe, von der Lübeck diesmal weit weg ist. Käme das Wasser doch einmal wieder so hoch, stünde es an Sieberts Salon in halber Fensterhöhe. „Dann bleibt nur noch hinten rausschwimmen.“

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