LATHEN - „Mitschwebe-Termine“ preist die Info-Tafel an der Nordschleife der Transrapid-Versuchstrecke an. Auch im fast leeren Vortragssaal der Touristeninformation im emsländischen Lathen läuft ein Film über die Magnetschwebebahn. Doch den Hochgeschwindigkeitszug gibt es nicht mehr. Der neue Transrapid steht zwar in den Hallen der Teststrecke, nur fahren darf er nicht, die Genehmigung fehlt. Hinweise aber auf die tragische Ausflugsfahrt vom 22. September 2006, als der schwebende Zug bei einer Kollision 23 Menschen in den Tod riss, finden Besucher auf den ersten Blick nicht.

Oberflächlich scheint das Unglück verblasst. Bei den Lathener aber hat es tiefe Spuren hinterlassen: Innerhalb weniger Minuten wurden Familien auseinandergerissen, legte sich ein schwarzer Schleier über den einstigen Besuchermagneten des Emslandes. Einige der damals Schwerverletzten und Hinterbliebenen sind nach den Worten von Ombudsmann Hartwin Kramer auch weiter auf professionelle Hilfe angewiesen. Ihnen konnte der vom Land eingesetzte Vertrauensmann innerhalb eines Jahres mehrere hundertausend Euro aus dem Spendenfonds zur Verfügung stellen.

Wenn an diesem Sonnabend, dem ersten Jahrestag des Unglücks, im Beisein von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) neben der Schaltzentrale ein Gedenkstein im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes enthüllt wird, dürften bei vielen Menschen die dramatischen Bilder wieder in Erinnerung kommen: von dem zerstörten Transrapid, der bei Tempo 160 in einen auf der Strecke vergessenen Reparaturwagen raste. Von den herabgestürzten Trümmern neben der mehrere Meter hohen, auf Betonstelzen verlaufenden Trasse. Und von den quälenden Stunden nach Bekanntwerden des Unglücks, als die Zahl der Toten immer wieder nach oben korrigiert werden musste.

Dort, in Höhe der Streckenstütze 136, steht nach wie vor das Holzkreuz, das die Gemeinde kurz nach der Katastrophe aufgestellt hatte. Daneben stehen frische Rosen, Grablichter, liegen ein Engel aus Ton, Herzen und ein kleiner Plüschteddy. Hier ist die Trauer um die Väter, Kollegen und Sportkameraden spürbar. Gerade neu errichtet wurde eigens zum Gedenktag ein verglaster Schaukasten. Er schützt künftig die vielen an einer provisorischen Holzwand angebrachten Gebete und Gedichte, die Fotos und die Kinderzeichnungen. Eine „Erinnerungsstätte“ nennt Lathens Bürgermeister Karl-Heinz Weber den Ort, der „ein besonderer Ort für die Angehörigen bleiben soll“.

Dennoch wollen sowohl die rund 8500-Einwohner-Gemeinde als auch der Landkreis Emsland nach vorn schauen. Mit der für Oktober in Hannover geplanten Sicherheitskonferenz verbinden sie die Hoffnung, dass in naher Zukunft der Transrapid wieder schwebt und wie früher jedes Jahr tausende Touristen in den Ort zwischen Meppen und Papenburg lockt. Denn wer für eine Spritztour mit dem bis zu 450 Stundenkilometer schnellen Hightech-Zug in den entlegenen Nordwesten des Landes kam, ging auch essen, trinken und einkaufen. „Es waren früher schon mehr Leute hier“, sagt die Kellnerin eines Cafés.

Von einem „erheblichen Einbruch“ spricht Lathens Bürgermeister Weber. Vor allem die örtliche Gastronomie, die kleinen Geschäfte, aber auch den am Transrapid hängenden Arbeitsmarkt traf das Aus für die Magnetschwebebahn hart. Nach den Worten von Landrat Hermann Bröring gingen die kreisweiten Übernachtungszahlen zurück – zuletzt um vier Prozent. „Aber wir sind zuversichtlich, dass nach der Sicherheitskonferenz eine Genehmigung vom Land kommt und der Transrapid nächstes Jahr wieder fährt.“ Diese Hoffnung teilten auch die Lathener, betonen Bröring wie auch Weber sehr bestimmt. Die Menschen stünden hinter dem Schnellzug – auch die, die Angehörige verloren haben.