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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Literatur: Lebenslanger Kampf um Anerkennung

18.11.2011

OLDENBURG In Heinrich von Kleist begegnet uns ein Mensch, in dessen Leben und Werk ein ausgeprägtes Endlichkeitsbewusstsein zum Ausdruck kommt. Dies geschah natürlich nicht von heute auf morgen, sondern nahm seinen Lauf im Werden des Lebens.

Darum beginnen wir mit dem Leben. Heinrich von Kleist wurde am 10. Oktober 1777 in Frankfurt/Oder geboren. Sein Vater, Joachim Friedrich von Kleist, diente zu dieser Zeit im 24. Infanterieregiment als Hauptmann, später als Major. Er starb 1788.

Unstetes Leben

Heinrich wird mit 14 Jahren Soldat und tritt als Gefreiter-Korporal in das dritte Bataillon des Garderegiments in Potsdam ein. Das Regiment nimmt am Rheinfeldzug gegen die französischen Revolutionsheere teil. Er erlebt den Krieg mit Hunger und Durst, Verwundung, Sterben und Tod. Diese Erlebnisse bleiben nicht ohne Folgen.

Er nimmt 1799 Abschied vom Militär und beginnt ein Studium an der Universität in Frankfurt/Oder. Das erste Fach ist Jura, wohl um eine Anstellung im Staatsdienst zu erreichen, aber schon bald studiert er auch Philosophie, Mathematik, Physik und Literatur.

Kleist führt ein unstetes Leben. Er ist viel auf Reisen und wirbelt schon mit der ersten im April/Mai 1800 viel Staub auf, weil er ohne Abschied von seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge abreist Zwei Jahre später folgt die endgültige Trennung.

Sein Erstlingswerk „Die Familie Schroffenstein“ wird 1804 in Graz uraufgeführt. Weitere Werke wie „Der zerbrochene Krug“, „Das Käthchen von Heilbronn“ und „Der Prinz von Homburg“ folgen. Die Achtung und Anerkennung seines Gesamtwerks, die sich Kleist so wünscht, bleiben aber aus. Er hat Schulden, lebt in Armut, ist viel krank und auf Unterstützung angewiesen. Er glaubt, an seiner Lebensaufgabe selbstverschuldet gescheitert zu sein.

Er fühlt sich auch von seiner Familie nicht anerkannt und sieht sich von dieser missachtet als „ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft, das keiner Teilnahme mehr wert sei.“ (Brief an seine Cousine Marie, 10. November 1811). Er wolle, schreibt er, lieber zehnmal den Tod erleiden, als noch einmal erleben, was er das letzte Mal an der Mittagstafel in Frankfurt empfunden habe.

Gebildet und belesen

Nach dem Zerwürfnis mit der Familie zieht Kleist nach Berlin und ist mehrmals Gast im Haus des Kaufmanns Friedrich Ludwig Vogel. Dessen Frau Henriette (1780 geboren) galt als intelligent, lebhaft, gebildet und belesen, entsprach also nicht dem damals gängigen Rollenbild einer Frau. Wie weit ihre brüchige Ehe und ihre Krebserkrankung, die natürlich Todesgedanken involviert, zur Annäherung beigetragen haben, ist kaum zu entscheiden. Kleist und Henriette Vogel sollen jedenfalls gemeinsam geistliche Choräle gespielt und gesungen haben, was ihn so begeistert habe, dass er rief: „Das ist zum Erschießen schön!“

Beweis der Liebe

Seiner Cousine Marie eröffnet Kleist in einem Brief am 19. November 1811, dass er in Henriette den Menschen gefunden habe, der mit ihm zusammen bereit sei zu sterben. Seine Seele sei durch die Berührung mit der ihrigen ganz reif geworden. Henriettes Entschluss, mit ihm zu sterben, hätte ihn mit einer „unwiderstehlichen Gewalt an ihre Brust gezogen“.

Uns befremdet die Gelassenheit, fast Heiterkeit auf dem Weg zur Ausführung. Wir wissen, dass Kleist viele Jahre nach einem Menschen Ausschau gehalten hatte, der bereit gewesen wäre, sich selbst mit ihm zu töten. Er nimmt die Bereitschaft Henriettes dazu als Beweis ihrer Liebe. Offen bleibt, wie er auf diesen Gedanken kommen konnte.

Kann der Grund seiner Gelassenheit auch darin begründet sein, nun endlich einen Menschen gefunden zu haben, der bereit ist, mit ihm den letzten Weg gemeinsam zu gehen? Dafür spricht der Satz an Marie: „Du wirst begreifen, dass meine ganze jauchzende Sorge nur sein kann, einen Abgrund tief genug zu finden, um mit ihr hin­ab zu stürzen.“ (Brief vom 19. November)

Am Tag vor ihrem Tode beziehen Henriette Vogel und Heinrich von Kleist zwei Zimmer im „Stimmingschen Krug“, ein Ausflugslokal am Kleinen Wannsee. Sie aßen Abendbrot, ließen sich früh morgens Kaffee bringen und schickten einen Boten nach Berlin mit einem Brief an ihren Freund Ernst Friedrich Peguilhen. Er wurde darin um den Freundesdienst gebeten, ihre gebrechlichen Hüllen der Erde zu übergeben.

Tiefe Trauer

Der Wirt hat berichtet, sie seien Hand in Hand zum See gegangen, schäkernd und sich jagend, viel lachend. Am letzten Tag lehnten sie zwar das Mittagessen ab, ließen sich aber Kaffee bringen sowie zur Verwunderung des Personals einen Tisch und zwei Stühle zum Hügel am Wannsee. In einem Korb sollen sich drei Pistolen befunden haben. Eine Tagelöhnerin im Hause Stimming, Frau Riebisch, hörte gegen vier Uhr nachmittags einen Schuss, kurz darauf, nur Sekunden später, einen zweiten. Heinrich von Kleist und Henriette Vogel sind tot.

Als in der Öffentlichkeit bekannt wurde, was sich ereignet hatte, meldeten sich vorwiegend die kritischen Stimmen. Kein Wunder, denn der Freitod, die Selbsttötung, wurde in Staat und Kirche Preußens missbilligt und verachtet.

Es gab aber auch andere Stimmen, solche des Verstehens und tiefer Trauer. Clemens Brentano, ein Freund des Dichters, äußerte sich: „Der arme, gute Kerl, seine poetische Decke war ihm zu kurz, und er hat sein Leben lang ernsthafter, als vielleicht irgendein neuer Dichter, daran gereckt und gespannt.“

Ich stimme der Jüdin Rahel Levin zu, die am 23. November 1811 an Alexander von der Marwitz geschrieben hat: „Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätten ihm zehn Reichstaler gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt’ er sich ihnen nur ungestört zeigen können.“

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