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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Der Adlermann

02.11.2019

Liebenau Der Steinadler nähert sich mit kräftigen Schwingenschlägen dem Fuchs, doch dann dreht er ab. Der gejagte Jäger war schlau und hat sich in dem Rübenschlag geduckt. Der mächtige Vogel gleitet über den Fluss und landet am anderen Ufer direkt hinter einem Erdwall. Hier in Norddeutschland ist der Steinadler ein extrem seltener Anblick, doch er hat sich nicht aus den Alpen in das flache Land an der Weser zwischen Hannover und Bremen verirrt. Er heißt „Nordmann“, er jagt an diesem Herbsttag auf Hase und Fuchs, mit seinem Besitzer, dem Falkner André Knapheide.

Weltkulturerbe

Hierzulande gibt es mehr als 380 000 Jäger, doch nur rund tausend gelten als aktive Beizjäger, die mit einem Greifvogel statt mit dem Gewehr losziehen. Schutzpatron der Jäger ist der Heilige Hubertus von Lüttich. Der Legende nach galt er als rücksichtsloser Jäger, bis ihm ein weißer Hirsch mit Kruzifix im Geweih begegnete. Die Waidmänner feiern jährlich am 3. November den Hubertustag – Anlass einmal nachzuforschen, was die Jagd mit dem Vogel so interessant macht.

„Falknerei ist kein Hobby wie andere, das ist eine Lebenseinstellung“, erklärt Knap­heide, in der Falknersprache ein Adlermann. Die Haltung ist enorm zeitaufwendig, doch Knapheide, 51-jähriger Rechtsanwalt aus Osnabrück, hat Glück. Seine Partnerin ist auch Falknerin, sie hat einen Habicht.

Auf der Jagd sieht er sich als Teil der Natur. „Bei der Beizjagd bin ich direkt beteiligt – sowohl als Protagonist als auch Beobachter eines alltäglichen, natürlichen Vorgangs“, meint er. „Das ist ein Teil meines Lebens, das ist Leidenschaft und Individualität“, sagt der sonst eher nüchtern wirkende Jurist. „Ich mache das seit meinem zehnten Lebensjahr, ich komme aus einer Falknerfamilie und bin damit groß geworden.“

Auch in Deutschland gehört die Falknerei mittlerweile zum Weltkulturerbe. Die Beizjagd entstand vermutlich vor fast viertausend Jahren in Zentralasien und gilt als eine der ältesten Jagdformen des Menschen. Der Falkner ist dabei ein Jagdgefährte, nicht der alles bestimmende Herr wie bei einem Hund.

„Die Bindung zwischen Adler und Mensch ist persönlicher und intensiver als die mit anderen Greifvogelarten“, erklärt Knapheide. Von Liebe zu sprechen sei aber sicherlich verklärt. Die Beziehung kann länger als manche Ehe dauern, ein Steinadler kann 40 Jahre und älter werden, „Nordmann“ ist erst zehn. „Es ist faszinierend, dass man einem nicht domestizierten Wildtier die Freiheit gibt und es freiwillig zurückkommt“, beschreibt Knapheide den Reiz der Beizjagd.

Respekt vor dem Vogel

Steinadler haben gut zwei Meter Spannweite und ein dunkelbraunes Gefieder. „Man muss Respekt vor dem Vogel haben, aber keine Angst“, sagt Knapheide. Ein Steinadler ist nicht ungefährlich, er hat in seinen die Beute durchbohrenden Klauen gut zehnmal mehr Kraft als ein erwachsener Mann mit seiner Hand. Für Kirgisen und Kasachen ist es bis heute Tradition, mit dem Adler vom Pferd aus auf Wölfe zu jagen.

Meist sind Habichte, Wüstenbussarde oder Wanderfalken im Einsatz, wenn im Herbst die Saison für die Falkner beginnt. „Es sind nur maximal 30 bis 40, die mit dem Steinadler jagen, vor allem im Süden und Osten“, sagt Knap­heide. „Ich versuche, den Vogel täglich fliegen zu lassen. Meist gehen wir zwei bis drei Mal in der Woche auf Jagd, in der Regel geht es auf Hasen.“

Der Anwalt ist Justiziar des Deutschen Falkenordens und hat die gesetzlichen Regelungen zur Beizjagd in einem Buch zusammengefasst. „Die eingesetzten Arten stammen in Deutschland aus Nachzuchten“, erklärt Knapheide. So ein Adler kann einige Tausend Euro kosten.

„Nordmann“ sitzt noch immer am anderen Ufer der Weser, er ist außer Sicht. Knap­heide geht zu seinem Geländewagen und fährt über die nächste Brücke auf die andere Seite. Nach gut einer Stunde kommt er zurück, den Vogel hinten im Auto. „Abenteuer pur“, sagt der Adlermann lachend und sichtlich erleichtert. Doch die Jagd ist für ihn vorbei, „Nordmann“ war erfolgreich und ist nun pappsatt. „Er hat drüben gleich einen Hasen geschlagen, darum ist er nicht wiedergekommen.“ Derweil hat ein Rotschwanzbussard einen Hasen angeflogen, doch der kann mit einem Haken entkommen. „Für heute ist Schluss“, sagt Knapheide.

Schutz von Greifvögeln

Was halten Naturschützer von der Jagd mit Vögeln? „Weil die Entnahme von Wildvögeln zur Abrichtung für die Beizjagd in der Vergangenheit ein wichtiger Gefährdungsfaktor für einige Greifvogelarten war, die deswegen in einigen Fällen rund um die Uhr vor Nesträubern bewacht werden mussten, ist der Naturschutzbund der Falknerei gegenüber traditionell kritisch eingestellt“, sagt dazu Nabu-Vogelexperte Lars Lachmann. „Heute besteht dieses Problem zumindest in Mitteleuropa kaum mehr.“ So seien Falkner für den Nabu inzwischen wichtige Partner beim Schutz von Greifvögeln. „Die Falkner haben ein großes Fachwissen auf dem Gebiet der Greifvogelaufzucht“, sagt Lachmann.

„Keine Form der Wildtierhaltung nimmt – soweit sie artgerecht ausgeführt wird – auf die Ansprüche der Tiere so viel Rücksicht, wie die Falknerei und die damit verbundene Greifvogelhaltung“, meint Knapheide. Und dass am Ende der Hase im Kropf seines Vogels statt in der Falknertasche für den Sonntagsbraten gelandet ist, mindert seine Freude am Ende nicht. Selbst ganz ohne Beute wäre er zufrieden, sagt der Adlermann: „Natürlich freue ich mich bei dieser natürlichsten Jagdart auch über Jagderfolg, aber genauso schön ist es zu sehen, wenn die Beute ihre Chance genutzt hat und entkommen konnte.“

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