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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Katholische Kirche auf dem Prüfstand

11.03.2019

Lingen Die katholische Kirche befindet sich in einer existenziellen Krise: in einer Glaubenskrise, einer Strukturkrise und einer Leitungskrise. Diese deutlichen Worte finden nicht etwa kritische Katholiken an der Basis, sondern sie stehen in einem Strategiepapier der Deutschen Bischofskonferenz. Vier Bischöfe stellen darin fest: Leben und Reden fallen in der Kirche weit auseinander, es brauche einen echten kirchlichen Wandel, der mit einem „Mentalitätswandel (Demut) der Verantwortlichen beginnen muss“.

Ab Montag treffen sich die Oberhäupter der 27 deutschen Bistümer in Lingen zu ihrer viertägigen Frühjahrstagung, im katholischen Emsland. Schon einmal, im Februar 1999, tagte die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz hier. Auch damals waren die Tage ein hartes Stück Arbeit und ein Nachdenken über eigene Überzeugungen. Papst Johannes Paul II. hatte die Bischöfe aufgefordert, bei der Schwangerenkonfliktberatung keine Beratungsscheine mehr auszustellen, die Frauen eine Abtreibung ermöglichen. Viele Katholiken waren empört. Auch diesmal sind die Erwartungen großer Teile des Kirchenvolks hoch.

„Wir wollen endlich Taten sehen“, sagt etwa die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD), Mechthild Heil. Als Reaktion auf den Missbrauchsskandal fordert die CDU-Bundestagsabgeordnete von den Bischöfen einen konkreten Handlungsplan zur Aufarbeitung. Alles müsse auf den Prüfstand, auch die Machtstrukturen. Die Kirche müsse endlich geschlechtergerecht werden, fordert die KFD gemeinsam mit der Schwesterorganisation Katholischer Deutscher Frauenbund.

„Sie müssen mit einem Vorschlag rauskommen, wie sie gedenken, das zu ändern“, fordert Heil von den Bischöfen. Und: Geistliche, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben, müssten ihr Amt verlieren. Priester, die sich in eine Frau verlieben und heiraten, werfe die Kirche heraus – Priester, die ein Verbrechen begehen, müssten nur damit rechnen, versetzt zu werden. „Das verstehe ich in meiner Kirche nicht, und das regt mich auch auf“, sagt die KFD-Vorsitzende.

Auf Prüfstand

Am Montagabend wollen die katholischen Frauen 30 000 Postkarten an den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode als Gastgeber der Bischofskonferenz überreichen. Rund hundert Frauen gehen in einem Schweigemarsch zur Kirche St. Bonifatius und richten bei der Aktion „Macht Licht an“ Taschenlampen auf die Kirchentür – eine symbolische Aufforderung nach echter Aufklärung und echten Reformen.

Auch viele Bischöfe sehen, dass sich die Kirche ändern muss, und sind bereit, selbst Kernaussagen ihrer Morallehre auf den Prüfstand zu stellen. Zu ihnen gehört der Gastgeber Bode. Homosexualität etwa zählt in der katholischen Kirche als Sünde – aber gleichgeschlechtlichen Paaren, die voller Liebe und gegenseitiger Fürsorge lebten, dürfe die Kirche nicht den Segen verweigern, argumentiert er.

Auch wenn die katholische Kirche weit weg ist von einer Hochzeit für gleichgeschlechtliche Paare, wird in seinem und in anderen Bistümern bereits an liturgischen Konzepten für „Segnungsgottesdienste“ gearbeitet. Die Amtskirche müsse bereit sein, auch systemische Fragen offen zu diskutieren, fordert Bode, der auch stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz ist. In seinem Bistum hat er dazu eine Arbeitsgruppe eingerichtet.

Allerdings: Auch wenn Bode mit seiner Haltung nicht allein ist und vor allem jüngere Bischöfe ähnlich denken, gibt es nach wie vor konservative Hardliner unter den Oberhirten. Die Bischofskonferenz ist seit Jahren zersplittert in verschiedene Gruppen.

Nur Minimalkonsens

Am Ende der Tagung werde es zu den wichtigen Fragen nur einen Minimalkonsens geben, erwartet Thomas Schüller, der in Münster Kirchenrecht lehrt. Dennoch sehe er die Zahl der „wachen Zeitgenossen“ unter den Bischöfen, die Veränderung wollen, wachsen. Einige Bischöfe werden in ihren Diözesen vorangehen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich auch an Grundsatzfragen heranwagen.

Wobei das Kirchenrecht den Ortsbischöfen Grenzen setzt: Sie können weder im Alleingang über das Zölibat, also die Ehelosigkeit von Priestern, noch über die Weihe von Frauen entscheiden. Aber es gibt Gestaltungsspielraum. Das zeigt der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der künftig keinen Priester mehr als Verwaltungschef für seine Erzdiözese mehr einsetzen will, sondern eine Frau oder einen Mann im Laienstand.

Für die katholische Kirche, die immer noch ein „männerbündlerisches Machtsystem“ sei, sei diese Entscheidung ein substanzieller Schritt, auch wenn Frauen damit immer noch nicht im Zentrum der Macht in der Kirche angekommen seien, stellt Schüller fest: „Frauen kommen bis in den Vorhof der Macht, aber weiter nicht.“

Die katholischen Bischöfe müssen aus ihrer selbstverschuldeten Isolation herauskommen und endlich wichtige grundlegende Veränderungen anstoßen, fordert Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“. „Es wäre ein starkes Signal der Bischofskonferenz, wenn sie sagen würde, wir setzen uns nicht nur allgemein für Frauen in Führungspositionen, sondern konkret für das Frauendiakonat ein“, sagt er. Der Reformstau sei unendlich groß. „Die Frage ist, was muss noch alles passieren. Die Austrittszahlen sind immens. Die Geduld ist längst am Ende.“

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