LIVERPOOL - Hoch über dieser Stadt thronen zwei kupferne „Liver Birds“. Die Wappenvögel, die wie Kreuzungen aus Kormoran, Adler und Greif wirken, zieren auch die roten Trikots ihres berühmtesten Fußballklubs. Vom Atlantik her weht über die Irische See und den Mersey-Fluss eine salzige Brise. „Diesen Ort haben Menschen auf der ganzen Welt im Ohr“, beteuert Stadtführer Phil Hughes. Lange kamen Touristen vor allem wegen der Beatles. Ansonsten schien Englands Nordwest-Metropole nur Siechtum und Untergang beschieden. Doch jetzt erlebt sie eine triumphale Wiedergeburt. Willkommen in Liverpool, Europas Kulturhauptstadt 2008.
Hughes legt stets die passende Musik auf. Vorerst allerdings nicht die der Beatles. Am Anfang sind Gerry & The Pacemakers mit „Ferry Cross the Mersey“ zu hören. Nichts passt besser zur Überfahrt mit der Fähre über den Mersey, mit dem Blick auf Liverpools Hafenskyline, seine zwei alles überragende Kathedralen und die „Liver Birds“, als dieser Ohrwurm von 1964. Er ist ein Klassiker des Merseybeat.
Hätte es vielleicht genügt, sich auf diesen Beitrag Liverpools zum Weltkulturerbe zu beschränken? Die Wiege der Beatmusik, immerhin. „Unsere alte und neue Popmusikszene gehört natürlich dazu“, sagt Paul Newman, Sprecher der Liverpool Culture Company. „Aber damit allein wären wir nicht Kulturhauptstadt geworden. Wir wollten von Anfang an mehr.“
Länger als andere englische Industriestädte blieb Liverpool in der Spirale von Arbeits- und Hoffnungslosigkeit hängen. Die Stadt war ein Synonym für Krise. Zuerst gingen die Jobs im einst blühenden Überseehafen verloren, dann in den Werften und in der verarbeitenden Industrie der umliegenden Region. Als schließlich Margaret Thatcher in den 80er Jahren das Land umkrempelte, als die britische Wirtschaft wieder anzog, blieb Liverpool von „Maggies Revolution“ ausgespart. „Die Stadtregierung forderte viel vom Staat, aber sie stellte selbst wenig auf die Beine“, erinnert sich Hughes. Schließlich gewannen Pragmatismus und wirtschaftlicher Sachverstand die Oberhand, doch die Kultur war ein überragender Faktor. „Sie hat uns aus der Krise gezogen“, sagt Newman. „Es war richtig, gerade in schwierigen Zeiten in Kunst und Kultur zu investieren.“
Seit Jahren bereits ist Liverpool nach London die Stadt mit dem zweitgrößten Kunstangebot im britischen Königreich. Derzeit ist die Stadt noch die größte Baustelle Europas. Kräne werden auch das ganze Kulturhauptstadt-Jahr die Skyline mitprägen, denn viele Projekte – darunter die Regeneration ganzer Stadtbezirke – sind bis weit nach 2010 angelegt. Ein Tummelplatz für Touristen ist das einst verfallene und inzwischen neu gestaltete Hafenviertel am Albert Dock, benannt nach dem deutschen Ehemann von Queen Victoria, der es einst eingeweiht hat. Überall zeugen eindrucksvolle Gebäude in viktorianischer oder neoklassischer Architektur mit Namen wie West Africa House, India House oder New Zealand House von der Rolle, die Liverpool einst als „Englands Tor zur Welt“ und wichtigster Hafen für die Auswanderung nach Amerika spielte.
Doch die tiefsten Eindrücke hinterlässt das neue International Slavery Museum. Es setzt sich mit dem transatlantischen Sklavenhandel auseinander, der Liverpool einst als größter Umschlagplatz für die „Ware Mensch“ zwischen Afrika und Amerika zu enormem Reichtum verholfen hatte. Eine späte Nachwirkung der Sklaverei, die im Vereinigten Königreich 1807 verboten wurde, war im vergangenen Jahr ein heftiger Streit um die berühmteste Straße Liverpools. Die von den Beatles besungene Penny Lane wurde nach dem Reeder James Penny benannt, dessen Schiffe einst versklavte Afrikaner zu den britischen Kolonien in Amerika brachten. Als eine Stadträtin deshalb die Umbenennung der Penny Lane beantragte, sprach sich selbst die afrikanischstämmige Gemeinde Liverpools gegen „eine solche Albernheit“ aus.
Scouse heißt der für Schulenglisch-Sprechende oft kaum verständliche Dialekt. Zu hören bekommt man Scouse natürlich an den Theken eines jeden echten Liverpooler Pubs. Allen voran „The Philharmonic Dining Rooms“. Im „Phil“, wie der Pub im Volksmund heißt, nahmen auch die jungen Beatles gern ihre Pints ein. Wenn heute Touristen in den Pub strömen, hängt das aber auch mit dessen Herrentoilette zusammen. Wegen ihrer vornehmen Pinkelbecken aus reichlich verziertem Marmor ist sie das am meisten fotografierte Pub-WC Englands.
Mehr als 300 Veranstaltungen haben Liverpools Stadtväter für das Jahr der europäischen Kulturregentschaft versprochen. Klar, dass auch heimische Stars wie der Klassik-Dirigent Simon Rattle und die beiden Ex-Beatles Paul McCartney und Ringo Starr dabei sein werden.
