London - Das britische Parlament gilt vielen seit dem Gezerre um den EU-Austritt als Ort heillosen Zanks. An diesem Donnerstag wählen die Briten nun neue Abgeordnete. Es gibt dabei einen klaren Favoriten: Premierminister Boris Johnson liegt in den Umfragen mit seinen Konservativen deutlich vorn. Mit einer Mehrheit will er seinen Brexit-Deal durchpeitschen und das Land zum 31. Januar aus der Europäischen Union führen. Labour-Chef Jeremy Corbyn dagegen verspricht ein zweites Brexit-Referendum.
Doch Vorsicht ist angebracht. Wer meint, das Rennen sei bereits gelaufen, könnte sich täuschen. „Falls irgendjemand zu Ihnen kommen sollte und sagen, er wisse, was passieren wird, ziehen Sie eine Augenbraue hoch, lächeln Sie freundlich und wenden Sie sich ab“, sagte BBC-Moderator Andrew Marr dazu kürzlich.
Die Spitzenkandidaten sind denkbar unpopulär. Weniger als die Hälfte der Briten hält Johnson für einen guten Premierminister, Corbyn wird der Job von gerade mal einem Viertel zugetraut. Auf den Punkt brachte diese Stimmung kürzlich die 86 Jahre alte Molly Bennet aus der Nähe von Southampton. „Ich weiß, für wen ich nicht stimmen werde“, sagte die alte Dame dem Sender Sky News. „Den roten Mann.“ Gemeint war der Chef der Sozialdemokraten. Doch auch für Johnson hatte sie kein Lob übrig. „Ich wähle normalerweise konservativ, aber ich kann den Kasper nicht ertragen“, klagte sie.
Das britische Wahlrecht macht Voraussagen sehr schwer. Selbst ein deutlicher Vorsprung in den Umfragen bedeute nicht unbedingt eine große Mehrheit im Unterhaus, warnte der renommierte Wahlforscher John Curtice von der Universität Strath-clyde in Glasgow.
Die Frage ist, ob es zu einem Johnson-Sieg kommt oder wieder zum „hung parliament“ – einer Sitzverteilung, in der es keine klare Mehrheit für eine der beiden großen Parteien gibt. Das war bereits nach der Wahl 2017 der Fall – und führte zu einer Hängepartie um den Brexit. Johnsons Vorgängerin Theresa May konnte nur mit Hilfe der nordirischen DUP weiterregieren.
Manch einer hielt das für eine realistische Abbildung der Stimmung im Land, denn der Zank um den EU-Austritt beschränkt sich nicht auf das Parlament. Umfragen zeigen, dass die Briten auch dreieinhalb Jahre nach dem Brexit-Referendum zu ungefähr gleichen Teilen in Austrittsbefürworter und -gegner gespalten sind. Könnte es sein, dass es wieder ein Patt gibt im Unterhaus?
Johnsons Tories verdanken ihr Umfragehoch vor allem der Tatsache, dass sie die Brexit-Partei von Nigel Farage erfolgreich an die Wand gespielt haben. Die überwiegende Mehrheit der Austrittsbefürworter will den Umfragen zufolge die Konservativen wählen. Das bedeutet aber auch, es gibt kaum mehr etwas hinzuzugewinnen für die Tories. Die „Brexit-Orange“ sei ausgequetscht, so Curtice.
Labour dagegen konkurriert mit den Liberaldemokraten um die Stimmen der Brexit-Gegner und hier gibt es noch Spielraum: In den vergangenen Wochen war in den Umfragen eine Wählerwanderung von den Liberalen zu Labour zu beobachten. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass sich die junge Liberalen-Chefin Jo Swinson mit ihrer Ankündigung, den Brexit einfach abzusagen, verzockt hat. Sollte sich der Trend fortsetzen, wäre die Johnson-Mehrheit in Gefahr.
Ein landesweiter Trend spiegelt nicht unbedingt wider, was am Ende des Wahltags als Ergebnis zu erwarten ist. Großbritannien hat ein reines Mehrheitswahlrecht. Nur der Kandidat, der in einem der 650 Wahlkreise die meisten Stimmen auf sich vereint, erhält einen Sitz im Parlament. Der Gewinner räumt also alles ab, egal wie knapp sein Sieg war. Entscheidend sind die Sitze in einer Reihe umkämpfter Wahlkreise, die sogenannten marginal seats. Hört man sich dort um, fällt auf, wie viele sich noch nicht entschieden haben.
In einem „hung parliament“ könnte Corbyn theoretisch eine Minderheitsregierung formen und sein Versprechen eines zweiten Brexit-Referendums einlösen. Die Schottische Nationalpartei SNP wäre bereit, ihn zu unterstützen, wie SNP-Chefin Nicola Sturgeon bereits deutlich machte. Der Preis, daran ließ sie keinen Zweifel, wäre eine baldige Volksabstimmung über die Unabhängigkeit des mehrheitlich EU-freundlichen Schottlands vom Vereinigten Königreich.
