Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Großbritannien Stelldichein in der Downing Street

Annette Reuther

LONDON - Sie sahen aus wie ein glückliches Paar, das durch den frühlingshaften Garten der Downing Street schlenderte. Der neue britische Premierminister David Cameron scherzte ausgelassen mit dem neuen Vize-Premier Nick Clegg bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz. Giftpfeile, die der Chef der konservativen Tories und der Chef der Liberaldemokraten im Wahlkampf noch aufeinander abgefeuert hatten, gehörten der Vergangenheit an. Sie sitzen jetzt in einem Boot – und das ist in schwerer See. Tories und Liberale haben in Großbritannien nach tagelangem Ringen eine Koalition gebildet, die erste seit rund 70 Jahren. Flitterwochen wird es wohl nicht geben. Denn das Land steckt in massiven Schwierigkeiten.

„Schreckliches Erbe“

„Historisch“ war das Wort der Stunde. Cameron ist mit 43 Jahren der jüngste Premierminister seit fast 200 Jahren. Clegg – ebenfalls 43 – stieg vom „Mister Unbekannt“ zum Stellvertreter des Regierungschefs auf. „Keiner Regierung in modernen Zeiten wurde jemals so ein schreckliches wirtschaftliches Erbe hinterlassen“, sagte Cameron mit Blick auf die 13 Jahre lange Regierungszeit der Labour-Partei. Die Verschuldung hat einen Rekordstand erreicht, die Wirtschaft schwächelt immer noch – und in Afghanistan kämpfen 9500 Briten in einem Krieg, der vielen immer auswegloser scheint. Beim ersten Kabinettstreffen am Donnerstag standen daher die Themen Wirtschaft und Afghanistan ganz oben. Auch der neue Außenminister, Tory-Veteran William Hague, versprach gleich am ersten Tag, das Problem Afghanistan anzugehen.

Besonders spannend wird, inwiefern die Liberalen die „neue Politik“, die sowohl Cameron als auch Clegg beschworen haben, beeinflussen können. Vor allem in EU-Fragen wird das interessant – ist Außenminister Hague doch ein ausgesprochener Europaskeptiker.

Die Liberaldemokraten dagegen sind für eine britische Partei extrem europafreundlich. Bei den Koalitionsverhandlungen knickten sie aber ein und unterschrieben, dass weder der Euro in der nächsten Legislaturperiode eingeführt noch mehr Macht nach Brüssel übertragen wird.

Auch in anderen Fragen kann das Image von dem „glücklichen Brautpaar“, das alle britischen Medien in Bilderserien und langen Artikeln ausschlachteten, nicht über Differenzen hinwegtäuschen.

Die Liberalen stehen dem Einsatz in Afghanistan skeptischer gegenüber als die Tories. Gegen den Irakkrieg hatten sie sich damals gestemmt. In der Atompolitik stimmen sie ebenfalls nicht mit den Tories überein, die unter anderem neue Atomkraftwerke bauen wollen.

Daneben müssen die zerrütteten Beziehungen mit Russland gekittet werden. Unter Labour herrschte zwischen Moskau und London Eiszeit. Vielleicht bringt Vize-Premier Clegg mit seinen russischen Wurzeln mehr Glück. Der schwerste Job wartet jedoch auf Finanzminister George Osborne, der die desolate Haushaltslage kitten muss.

Die Geschichte vom strahlenden Stelldichein zwischen Clegg und Cameron hakt aber auch an der Basis: Vielen „Lib Dems“-Wählern gilt ein Zusammenschluss mit den Tories als Verrat an den eigenen Werten. Denn auch wenn Cameron seine Partei von altem Staub befreite: Vielen Briten sind die Tories nach den Thatcher-Jahren immer noch ein Graus.

Rat von Kanzlerin Merkel

Londons Tory-Bürgermeister Boris Johnson meint, die blau-gelbe Koalition sei eine „Promenadenmischung aus Bulldogge und Chihuahua“, wenn nicht gar ein „prächtiger neuer, blauer Tropenfisch mit gelben Punkten“.

Und auch Premierminister Cameron ist optimistisch, dass die Kombination Erfolg bringt. Rat im Umgang mit dem Partner holte er sich dabei offenbar schon von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Denn, so Cameron: „Sie ist ja Expertin in Koalitionen.“

aus konservativen Tories und Liberalen ist die erste Koalition des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg. Das neue Kabinett kam am Donnerstag zum ersten Mal in der Downing Street in London zusammen.

Designierter Außenminister ist der europakritische Konservative William Hague (49), der schon an diesem Freitag zu seinem ersten Amtsbesuch in die USA reisen will. Arbeitsminister ist Iain Duncan Smith (56) von den Tories. Energie-Minister wird Chris Huhne (55) von den Liberalen, neuer britischer Verteidigungsminister wird der Konservative Liam Fox (48).

wichtigste Amt nach dem Premier – den Posten des Finanzministers – besetzt der Konservative George Osborne. Mit nur 38 Jahren ist er einer der jüngsten Schatzkanzler in der Geschichte des Landes.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Hoffen auf reges Interesse für die Schmetterlingswochen: Landschaftsökologe Felix Närmann (l.) und Thorsten Kuchta von der Geschäftsstelle Masterplan Ems 2050.

SCHMETTERLINGSWOCHEN IN MOORMERLAND Forschungen förderten eine große Vielfalt an Faltern zutage

Axel Pries
Moormerland
Fordert Verbesserungen für die Opfer des SED-Regimes: Evelyn Zupke (62), frühere Bürgerrechtlerin und SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag

STREIT UM ANGEKÜNDIGTE VERBESSERUNGEN Warum SED-Opfer der Bundesregierung „Wortbruch“ vorwerfen

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Der Klosterpark Oestringfelde ist sozusagen die „grüne Lunge“ von Schortens und beliebtes Ausflugsziel. Dort stehen unter anderem mehrere alte Eiben.

FÖRDERMITTEL FÜR KLOSTERPARK Juwel der Stadt Schortens soll mit 1,387 Millionen Euro weiterentwickelt werden

Jeversches Wochenblatt
Schortens
„Darüber müssen wir nochmal reden“
Pro-palästinensische Proteste vor der US-Botschaft in Jakarta (Indonesien): Im Hintergrund ist das KI-generierte Bild „all eyes on Rafah“ zu sehen. Dieses geht zurzeit in den „sozialen Medien“ viral.

KOLUMNE ZU „ALL EYES ON RAFAH“-KI-BILD Erst recherchieren, dann teilen

Luise Charlotte Bauer
Der ehemalige Geschäftsführer des Klinikums Wilhelmshaven, Reinhold Keil.

PROZESS GEGEN WILHELMSHAVENS EX-KLINIKUMS-GESCHÄFTSFÜHRER Fehlende Qualifikation bei Bewerbung nicht überprüft

Lutz Rector
Wilhelmshaven