LONDON - Gerüchte um einen Selbstmordanschlag in einem Bus erhielten neue Nahrung. Ein Augenzeuge benannte einen Verdächtigen.
Von Jochen Wittmann,
Büro London
LONDON - Nach dem schlimmsten Terroranschlag ihrer Geschichte fanden die Londoner gestern langsam wieder zum Alltag zurück. Fast das gesamte U-Bahn-Netz und sämtliche Busse funktionierten wieder. Doch viele Menschen kamen mit einem unguten Gefühl in der Magengrube. „Mein Großvater rief mich letzte Nacht an“, meinte die 36-jährige Sally Higson, „und sagte mir, dass ich zurück zur Arbeit gehen sollte. Er ist 89. Er hat den Krieg erlebt und sagte, dass es wichtig sei, ganz normal weiter zu machen.“ Auch der 42-jährige Ahmed Iqbal will sich von den Terroristen nicht sein Leben diktieren lasen: „Das wäre doch genau das, was sie wollen. Das Leben muss weiter gehen.“Unruhe gab es am Morgen, als an den U-Bahnstationen Liverpool Street und Euston Square Bombenalarm gegeben wurde. Die „verdächtigen Päckchen“ entpuppten sich jedoch als unbeaufsichtigte Gepäckstücke.
Der Bahnhof King‘s Cross wird als Tatort eines Verbrechens behandelt. 30 Meter unter der Erde, im Tunnelschlacht zum Russell Square, liegen die Überreste des auseinandergerissenen U-Bahnzuges. Der Tunnel ist einsturzgefährdet. Inmitten all der Trümmer vermutet die Polizei noch zahlreiche Leichen. Jetzt beginnt dort die schreckliche Arbeit der Spurensicherung. Die Jagd nach den Bombern beginnt.
Die Spurensicherung muss heraus finden, welcher Typ Sprengstoff benutzt wurde und welche Zünder. Die Videos der Überwachungskameras werden nach verdächtigen Hinweisen durchgesehen. Man hofft, wie bei den Anschlägen im März 2004 in Madrid, auf Spuren in den Mobilfunk-Netzen zu stoßen.
Am Nachmittag berichtet Scotland-Yard-Chef Sir Ian Blair, die vier Sprengsätze seien vermutlich weniger als 4,5 Kilogramm schwer gewesen und hätten problemlos in kleine Rucksäcke gepasst. Bei den Detonationen in den U-Bahnen wurden die Sprengsätze auf dem Boden der Waggons platziert, während es bei der Busbombe möglich ist, dass sie auch auf Sitzhöhe explodiert sein könnte.
Das heizt die Diskussion an, ob es sich bei den Anschlägen um Selbstmordbomben handelte. „Die Präzision und das Timing der Explosionen“, vermutet Jack O'Connor, ein ehemaliger Beamter von Scotland Yard, „deuten darauf hin, dass wir es hier mit Selbstmordattentätern zu tun haben“.
Verschiedene britische Zeitungen brachten am Freitag Berichte von Augenzeugen, die einem Selbstmordattentäter im Doppeldeckerbus gesehen haben wollen. Richard Jones schilderte gegenüber der „Daily Mail“ wie er, kurz bevor er den Bus verließ, einen Verdächtigen sah: „Dieser Mann griff in seine Tasche und lehnte sich wieder zurück. Er hat das ungefähr ein dutzend Mal gemacht und sah extrem aufgeregt aus.“ Polizeichef Blair allerdings wollte solche Berichte weder bestätigen noch dementieren.
Die Selbstbezichtigung einer El-Kaida-Gruppe, die auf dem Internet erschien, wird jetzt allerdings von Regierung und Sicherheitsdiensten ernst genommen. Es sei „sehr gut möglich“, sagte Innenminister Charles Clarke, dass islamische Extremisten für die Anschläge verantwortlich seien. Und Blair ergänzt, es sei „nur zu offensichtlich“, dass in Großbritannien eine Terrorzelle aktiv sei. „Wir müssen wachsam bleiben.“
Menschen in London suchen verzeifelt nach vermissten Angehörigen und Freunden
