Hannover/Berlin - „Mitgefiebert“ hat sie damals – um Minuten später ihrem Vater um den Hals zu fallen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) erlebte als 17-Jährige die Überraschungs-Wahl Ernst Albrechts (CDU) zum neuen Ministerpräsidenten am 6. Februar 1976 im Niedersächsischen Landtag mit. Wenige Armlängen von ihrem Vater entfernt. In der Zuschauerloge. Neben ihrer Mutter. „Für mich war der Tag total aufregend und spannend“, erzählt von der Leyen im Gespräch mit dieser Zeitung. Den Sensationssieg ermöglichten drei Abweichler aus der SPD/FDP-Regierungskoalition. In geheimer Abstimmung. Um die Namen ranken sich bis heute wilde Spekulationen.
Die Wahl Albrechts – ein Polit-Krimi über Wochen hinweg. Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) tritt aus Altersgründen zur Hälfte der Legislaturperiode zurück. Finanzminister Helmut Kasimier (SPD) soll von der sozial-liberalen Koalition am 14. Januar 1976 zum Nachfolger gewählt werden. SPD/FDP verfügten über 78 Stimmen, die CDU über 77 Stimmen. Trotzdem tritt Albrecht als Gegenkandidat an. Mit Erfolg: Kasimier 75 Stimmen, Albrecht 77, drei Stimmen ungültig. Aber: keine absolute Mehrheit. Der zweite Wahlgang am folgenden Tag: Kasimier nur noch 74 Stimmen, Albrecht 78 Stimmen, drei Stimmen wieder ungültig. Albrecht ist Ministerpräsident – aber ohne Minister. Diese müsste der Landtag in offener (!) Abstimmung bestätigen. Geht nicht gegen die SPD/FDP-Mehrheit.
Also muss ein dritter Wahlgang her, in dem die einfache Mehrheit reicht und ein Votum des Landtags zu Ministern nicht (!) mehr nötig ist. In der Not schickt die SPD am 6. Februar den Ex-Bundesminister Karl Ravens ins Rennen. Albrecht reagiert gelassen.
„Er war ein grundsätzlich zuversichtlicher Mensch. Er strahlte in der Familie immer eine enorme Zufriedenheit aus“, erinnert sich von der Leyen. Zu Recht. Albrecht erhält im dritten Wahlgang sogar 79 Stimmen, Ravens 75 Stimmen, eine ungültig. Der erste CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen kann – auch ohne parlamentarische Mehrheit – eine Minderheitsregierung bilden. Die CDU jubelt. SPD-Abgeordnete weinen, Ex-Minister schluchzen.
Und die Abweichler, die Albrecht wählten? „Mein Vater hat nie darüber gesprochen. Er konnte wirklich schweigen. Aber ich habe gefühlt, wenn ich ihn gefragt hätte, hätte er mir eine begründete Vermutung gesagt“, sagt von der Leyen, die sich schmunzelnd an ein Detail dieses historischen Tages erinnert: „Das erste, was sich nach dieser Wahl im Leben der Familie verändert hat, war ein VW-Käfer der Polizei, der aus Sicherheitsgründen auf unserem Hof vorfuhr – und für die nächsten Jahre, der Amtszeit meines Vaters, blieb die Polizei vor unserem Haus“.
Es werden turbulente 14 Regierungsjahre, erinnert sich seine Tochter: „Was war da los in Niedersachsen! Gorleben, Brokdorf, die RAF-Zeit, das Celler Loch, die radikalen Mescaleros in Göttingen, die Spielbank-Affäre und noch vieles mehr“.
Dazu Albrechts Ja zu den Ostverträgen der sozial-liberalen Bundesregierung im Bundesrat, die Aufnahme von vietnamesischen Bootsflüchtlingen – mehrfach liegt Albrecht mit der CDU über Kreuz.
Für von der Leyen ist diese Standfestigkeit kein Wunder: „Mein Vater hat mir mal einen netten Spruch gesagt: Greife niemals in ein Wespennest – doch wenn du greifst, dann greife fest! Seine Überzeugung war immer: Bloß nicht schlingern, sondern tue die Dinge, von denen du überzeugt bist. Und wenn du sie tust, dann halte durch!“
Und was macht Ursula von der Leyen am 6. Februar 2016? „Das Datum ist diesmal eine schöne Gelegenheit, wieder ein Fotoalbum herauszuholen und den Kindern mal etwas von diesem historischen Tag ihres Großvaters zu erzählen.“
