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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Wie Amerika lernt, Airbus zu lieben

20.10.2017

Mobile Der Kampf um die weltweite Vormachtstellung beim Bau und Verkauf von zivilen Flugzeugen währt nun schon rund zwei Jahrzehnte zwischen dem alten Platzhirschen Boeing (USA) und dem noch relativ jungen Konkurrenten Airbus aus Europa. Man schenkt sich nichts, nur der US-amerikanische Markt war für den Luftfahrt-Konzern aus der alten Welt ein zäher Brocken. Denn bis vor Kurzem galt für die amerikanischen Luftfahrt-Gesellschaften beim Kauf eines Flugzeuges: America first. Und waren die Produkte aus Europa noch so verlockend.

Flugzeug-Teile aus dem Nordwesten

Mobile im Bundesstaat Alabama liegt im Süden der USA am Golf von Mexiko und hat rund 200 000 Einwohner. Die Stadt ist gleichzeitig Oberzentrum einer Metropolregion mit gut 500 000 Einwohnern.

Die Stadt lebt vor allem von Hafenwirtschaft, Schiffbau, Öl- und Chemie-Industrie und Stahl-Werken. Sie ist ein großer Standort der Marine. Seit 2015 ist der Flugzeugbau dazugekommen. An den Hochschulen studieren 16 000 Menschen, einer der Schwerpunkte ist das Ingenieurwesen.

Das Airbus-Werk hat rund 600 Millionen Dollar gekostet. In Mobile werden komplette Flugzeuge der A-320-Familie gebaut. Die Teile dazu werden per Schiff aus Europa angeliefert und stammen aus den Werken Nordenham, Varel, Bremen, Stade, Hamburg, Getafe (Spanien) und Toulouse (Frankreich). Ende Dezember werden die ersten 50 Flugzeuge ausgeliefert sein. Derzeit ist ein Flugzeug nach 40 Tagen fertig.

Jede Woche geht ein großes Container-Schiff auf die Reise von Hamburg nach Alabama. Nach 20 Tagen hat es das Ziel im Tiefwasserhafen von Mobile erreicht. Die Teile werden auf der Straße zum drei Meilen entfernten Airbus-Werk transportiert.

Bereits seit 2005 betreibt Airbus eines von insgesamt vier Entwicklungszentren weltweit in Mobile. Damals startete man mit 35 Mitarbeitern, heute sind es 220.

So sagten sich die Strategen von Airbus: Wir müssen dahin, wo die Märkte sind. „2012 haben wir das Projekt USA konkret in Angriff genommen“, sagt Matthias Ostendorf. Der 57-Jährige ist Leiter der Qualitätssicherung im Airbus-Werk in Mobile, im US-Südstaat Alabama, das 2015 eröffnet wurde. Das Credo lautet: Airbus baut am Golf von Mexiko Flugzeuge für den heimischen Markt, die alle den Stempel tragen: Made in USA. Das hat Wunder gewirkt.

„Wir haben im Vorfeld die ersten 300 Stellen für unser Werk in Mobile in den USA ausgeschrieben – und hatten innerhalb kürzester Zeit über 30 000 Bewerbungen. Und das, obwohl Bedingung war, dass die Bewerber mindestens schon fünf Jahre im Flugzeugbau oder der Luftfahrtindustrie tätig gewesen sein müssen. Das war unglaublich“, sagt der Mann, der seine berufliche Karriere im Airbus-Werk Bremen begann, in Oldenburg lebte und in einer Oldenburgerin seine private große Liebe fand. Nun lebt das Paar in Mobile.

Es war ein genialer Schachzug von Airbus, außerhalb Europas Flugzeuge zu bauen, wo der Markt für weitere Expansionen liegt. Das gelang schon 2008 in China mit großem Erfolg und setzt sich nun in den USA fort.

Szenenwechsel: Die kleine deutsche Journalisten-Delegation sitzt im Empfangszimmer im Rathaus von Mobile mit dem Bürgermeister zusammen. „Wir haben vor 20 Jahren damit begonnen, bei Luftfahrtmessen für den Standort Mobile zu werben. Wir wollten wieder Luftfahrt-Standort sein“, sagt Bürgermeister Sandy Stimpson (Republikaner). Ein Sohn der heute gut 200 000 Einwohner zählenden Stadt war ein wahrer Luftfahrt-Pionier: John Fowler entwickelte vor über 100 Jahren die Flügel für das Flugzeug der legendären Luftfahrt-Brüder Wright.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Mobile für unsere Air Force zu einem der größten Luftfahrt-Standorte mit Tausenden von Arbeitsplätzen“, so der Bürgermeister. In den späten 60er Jahren war es damit vorbei. Aber wie das so ist mit einer Region, die einmal Kerosin im Blut hat: Man will die Luftfahrt zurück.

Boeing blamiert

Blick in eine der Werkshalle im amerikanischen Mobile.

Und Airbus hat geliefert. 1000 Arbeitsplätze sollen es am Ende der derzeitigen Pläne sein. Gebaut werden Flugzeuge der A320-Familie (319, 320, 321) und schon bald auch die verbrauchsärmeren Neo-Versionen. Neun amerikanische Fluggesellschaften bestellen ohne Ende. Das schlechte Gewissen ist vorbei: Made in USA. Vier Flugzeuge werden pro Monat an die Kunden übergeben. Mit Steigerungsmöglichkeiten. Als im April 2016 der erste US-Airbus an den Kunden ausgeliefert wurde, war dies ein nationales Ereignis.

„Es war ein wichtiger Schritt für die Stadt und die Region. Wir wollen, dass Airbus hier erfolgreich ist – dann wird es auch ein Erfolg für uns“, so der Bürgermeister, und fügt hinzu: „Wir blicken in eine helle Zukunft.“

Am Abend treffen wir den Vize-Präsidenten der Handelskammer, Troy Wayman: „Alle wollten Airbus bei uns haben. Sie haben eine große Zukunft hier.“

Zu diesem Zeitpunkt ist seit einer knappen Stunde bekannt, dass Airbus die C-Linie des kanadischen Flugzeug-Herstellers Bombardier übernommen hat – und die Flugzeuge in Mobile bauen will. Die erste Frage von Wayman: „Möchte jemand einen Cocktail?“ Wir stoßen aber mit Bier an. Man muss schließlich die Kosten im Blick behalten.

Flugzeugteile werden zum Airbus-Werk transportier. Foto: Airbus

Airbus hat mit dem Engagement bei den Kanadiern einen so pragmatischen wie genialen Weg gewählt, einen Wettbewerber im Zaum zu halten. Bombardier war unbestritten unter den Herausforderern des Duopols Airbus und Boeing derjenige, der am gefährlichsten war. Das Engagement war ein gelungener Schachzug, der sowohl Donald Trump als auch Boeing einen Schock versetzt haben dürfte. Die US-Regierung hatte erst vor wenigen Wochen nicht zuletzt auf Druck von Boeing dem kanadischen Hersteller Bombardier Strafzölle von 300 Prozent auf seine C-Serien-Flugzeuge verhängt. Boeing steht nun ziemlich dumm da. Die recht billige Masche, sich die Konkurrenz fernzuhalten, geht nicht auf.

Dass Airbus nun keine Platzprobleme bekommt, obwohl bald auch noch kanadische Flugzeuge unter der Führung der Europäer in Mobile gebaut werden sollen, zeugt von Weitsicht: Man hat sich in Alabama gleich die doppelt so große Fläche gesichert, als einst benötigt.

Weiter expandieren

Es kann also gut sein, dass der Bürgermeister gleich einen neuen Bebauungsplan aufstellen lässt: Für den Fall, dass Airbus weiter expandieren möchte. In Alabama hängt derzeit der Himmel voller Airbus-Flugzeuge. Made in ….

Und was ist mit Boeing in Alabama? Wie später aus anderer Quelle zu erfahren ist, gab es wohl vor zwölf Jahren Absichtserklärungen, im Südstaat etwas Großes auf die Beine zu stellen. Aber: „Boeing hat Fehler gemacht“, sagt einer, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Der Stachel sitzt tief. Welcome Airbus.

Norbert Wahn Redakteur / Politikredaktion
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