Münster - Nein, sagt Münsters Generalvikar Dr. Norbert Köster, heute dürfe es nicht in erster Linie um die Kirche gehen, um ihre „durch den Missbrauch schwer beschädigte Glaubwürdigkeit“. Er nennt Täterzahlen und Opferzahlen, er beantwortet kritische Fragen zum Zölibat, zu Homosexualität, zum Klerikalismus.
Aber eine Frage lässt er unbeantwortet. Wer wissen möchte, wo genau katholische Geistliche Minderjährige sexuell missbraucht haben, welche Kirchengemeinde oder welcher Kirchenkreis betroffen war, erhält keine Antwort. Kleinteiliger als auf Bistumsgröße möchte die Katholische Kirche die Ergebnisse der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ nicht runterbrechen. „Wir können nicht einfach Namen veröffentlichen“, sagt Köster.
Im Offizialatsbezirk Vechta, zuständig für das Oldenburger Land, kennt man mögliche regionale Einsichten der Forscher nicht. Die Anlage der Studie ist allerdings kompliziert: Untersucht wurden die Akten von Priestern und Diakonen, die zwischen 1. Januar 2000 und 31. Dezember 2015 auf der Offizialats-Gehaltsliste standen, sprich: Kleriker, die im aktiven Dienst waren oder im Ruhestand sind.
Monsignore Bernd Winter weiß von zwölf Klerikern in diesem Aktenbestand, denen Missbrauch vorgeworfen wurde. Insgesamt kennt er aber 34 Missbrauchs-Beschuldigte aus den Vechtaer Akten seit 1931. Wenn diese Priester zwischen 2000 und 2015 bereits verstorben waren oder in einer anderen Diözese eingesetzt waren, finden sie sich nicht in den Akten.
Finden sich die fehlenden 22 Beschuldigten aber vielleicht in den Akten mit Verfahren und Urteilen aus dem Geheimarchiv seit 1946, die das Bistum zusätzlichen angefordert hatte? Winter weiß es nicht. Was er weiß ist, dass aus Kirchensteuermitteln des Offizialatsbezirks in den vergangenen Jahren insgesamt Geld in Höhe von fast 47 000 Euro an Betroffene gezahlt worden ist, ein Teil davon als Therapiekosten.
Das Bistum Münster möchte nun vor allem nach vorn blicken. Generalvikar Köster fordert die Bischofskonferenz auf, auf allen Ebenen „wirklich intensiv über die Frage des Zölibats für Priester zu diskutieren“ – aber ohne gleichzeitig alle Priester, die zölibatär leben, unter einen Generalverdacht zu stellen. Er hält es für notwendig, die ablehnende Haltung der Kirche zur Priesterweihe homosexueller Männer zu überdenken.
Und Köster wirbt sehr dafür, das „hierarchisch-autoritäre System“ des Klerikalismus aufzubrechen – auch, indem „Frauen an entscheidenden Stellen in unserer Kirche das Sagen haben und Bischöfe, Priester – und insgesamt die Männer – Macht und Einfluss abgeben“.
Zunächst aber rechnet die Kirche mit einer weiteren Welle von Missbrauchsfällen, die bekannt werden könnten. Das zeigen die Erfahrungen aus 2010, als erstmals Missbrauchsvorwürfe gegen die Katholische Kirche in großer Zahl öffentlich wurden. Die Bischofskonferenz hat jetzt eigens eine Hotline geschaltet. „Wir können alle Opfer nur ermutigen, diesen Weg zu gehen“, warb Generalvikar Köster am Dienstag in Münster.
