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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Ostpreußen: Näher an Berlin als an Moskau

27.07.2015

Memel Siebzig Jahre sind seit dem Untergang des Deutschen Reiches und seiner östlichsten Provinz Ostpreußen vergangen. Dort, wo sie war, ist Neues entstanden. Der Südteil des alten Ostpreußen gehört seit 1945 zu Polen, der Norden, das einstige Memelland mit der Hafenstadt Memel, dem heutigen Klaipeda, gehört zu Litauen. Beide Staaten sind EU-Mitglieder und für uns problemlos erreichbar. In den Mittelteil Ostpreußens mit der einstigen Hauptstadt Königsberg zu kommen, ist dagegen immer noch aufwendiger. Der Verwaltungsbezirk (Oblast) Kaliningrad – so heißt die Gegend heute – ist eine Exklave Russlands in die man nur mit Visum eingelassen wird.

Dabei ist der Erhalt eines Visums das geringste Problem. Für den, der kein Russisch spricht, fangen die wirklichen Probleme an, wenn er in den Oblast eingereist ist, denn die Russen, denen ich begegnet bin, waren zwar freundlich: Deutsch, Englisch oder eine andere westliche Sprache sprechen aber die wenigsten. Deshalb ist eine organisierte Reise, bei der für Hotel, Verpflegung und eben auch für die Erläuterung dessen, was man zu sehen bekommt, jedem anzuraten, der nicht Russisch spricht. Ohne die kompetente und fließend Deutsch sprechende Reiseleiterin Diana wäre meine Reise ein Flop gewesen.

Und damit sind wir gleich beim positivsten Eindruck dieser Reise: den Menschen. Und der war überraschend angenehm. Die Zeit, in der man bemüht war, die deutsche Vergangenheit dieses Landes nach Kräften zu verdrängen, ist vorbei. Das belegt der unbefangene Umgang mit dem preußischen Kulturerbe in einer Stadt wie Tilsit, wo man das alte Denkmal der Preußen- Königin Luise in Kopie im Stadtpark wieder aufgestellt hat, ebenso wie die Restaurierung anderer deutscher Relikte, sei es Georgenburg oder Trakehnen, wo man an der Restaurierung der verbliebenen Gebäude arbeitet.

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Die Menschen, denen wir begegneten, wirkten entspannt und freundlich. Besonders der Umgang mit Kindern fällt angenehm auf. Ganze Familien mit Eltern, Großeltern und Kindern schlendern über Promenaden und Straßen, die kleinen Mädchen mit Zöpfen, Schleifen und schmückenden Utensilien zu lebenden Schmuckstücken heraus geputzt.

Keine Sprachblasen

Nicht weniger erstaunlich ist etwas ganz anderes: die Offenheit und innere Freiheit, die russische Gesprächspartner kennzeichnet, wenn es um die Situation des Landes, der Menschen oder auch der Politik geht. Kein Vergleich zu den formelhaften Wortdrechseleien und Sprachblasen, die wir von früheren Besuchen in Russland in Erinnerung haben. Putins Besetzung der Krim und ihre Folgen, nämlich Sanktionen, werden ebenso offen kritisch bewertet, wie die Situation im eigenen Land, wobei nicht Russland, sondern vor allem der Oblast Kaliningrad, „die Exklave“ im Zentrum steht.

„Wir sind jetzt von Russland genau so abgeschnitten, wie es Ostpreußen nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland war. Nach Moskau sind es 1200, nach Berlin aber nur 600 Kilometer und wir fühlen uns Europa näher als das übrige Russland. Putins Sanktion für Lebensmittel, insbesondere Obst und Gemüse, die wir bisher von Polen importiert haben, bekommen wir direkt zu spüren. Sie fehlen uns und wir haben angefangen, für unsere Selbstversorgung Kartoffeln, Mais Getreide anzubauen sowie die Viehhaltung zu stärken. Auch große Obstplantagen. Aber bis die tragen, sind die Sanktionen hoffentlich erledigt. Denn eines müssen Sie wissen: Die Russen sind gern faul. Sie wissen, dass sie das reichste Land der Erde haben, weil es reich an Bodenschätzen ist. Wir müssen nur Erdöl und Erdgas fördern und in den Westen verkaufen, oder Gold und andere Edelmetalle, von denen wir reichlich haben“, lauten etliche für uns erstaunlich unbekümmerte Aussagen.

Zum Westen, genauer zu „Europa“ zu dem sie sich selbst, wie ihre Wortwahl belegt, nicht zählen, fühlen sich im Oblast vor allem Intellektuelle stärker hingezogen, als das im übrigen Russland der Fall sein dürfte. Der kleine Grenzverkehr, der die Reise nach und den Einkauf in Polen erleichtert, wird als Wohltat gerühmt. Europa zieht an, aber zugleich sind sich russische Intellektuelle auch darüber im klaren, warum man selbst nicht dazugehört und nicht dazu gehören kann: „Sie müssen wissen“, erläutert man mir, „Russland liegt fünfzig wenn nicht noch mehr Jahre hinter Europa zurück. Und warum? Weil wir nicht in der Lage sind, eine westliche Demokratie aufzubauen. Der entscheidende Grund dafür ist die Tatsache, dass uns dafür ein hinreichend stark entwickelter Mittelstand fehlt, der gewohnt ist, selbstständig zu denken, zu entscheiden und zu handeln.“

Aber nun zu dem Land, durch das wir fahren. Von Königsberg bis Tilsit sind es rund 120 Kilometer. Die Straße ist gut, das Land ist flach, der Blick ist weit. Erst der Horizont begrenzt ihn. Bei Sonne und weiß-blauem Himmel bietet sich ein heiteres Bild. Rechts und links der Landstraße, dort, wo zu deutscher Zeit Felder gestanden haben dürften, erstreckt sich unkultiviertes Land, das im frühen Sommer Wiesen gleicht – mit einem Unterschied: Viele sind versumpft, weil die einst dort liegenden Entwässerungsdrainagen von ahnungslosen Russen zerstört wurden, als 1950 von Moskau der Ukas ausging, in der Sowjetunion müsse überall 50 Zentimeter tief gepflügt werden – und somit auch im Oblast Kaliningrad. Dort aber lagen die Drainagen 40 Zentimeter tief. So fielen sie Moskaus Befehl zum Opfer.

Jetzt stehen große Weißdornbüsche in unregelmäßigen Abständen auf den einstigen Feldern und schmücken sie jetzt im Juni mit ihren weiß leuchtenden Blüten. Ab und zu wird die Eintönigkeit dieses Bildes von Feldern unterbrochen. Junges Getreide, frisch sprossender Mais, ab und zu kleine Kartoffelfelder – von und für Selbstversorger angelegt. Der Anblick regt zu Fragen an und so erfahren wir weitere Details darüber, warum die einstigen Felder heute verödet und größtenteils unbestellt sind.

Als 1991 in Folge des Zerfalls der Sowjetunion auch das Rechtsinstitut des Volkseigentums wegfiel, brauchte das Land neue Eigentümer. Die fanden sich zumeist in Moskau, dort wo es Leute mit Geld, vor allem aber mit Beziehungen zu denen gab, die über die Neuvergabe des Landes zu entscheiden hatten. So kam es, dass das Land nicht unter die Bevölkerung Ostpreußens aufgeteilt, sondern zum Spekulationsobjekt der neuen Reichen wurde.

Die Provinzstädte im Oblast Kaliningrad, Tilsit, Insterburg, Stallupönen, Ragnit oder Wehlau gleichen sich in einem Punkt: Ihre Straßen sind sauber gefegt, aber ihr Äußeres ist Grau und macht sie fast gesichtslos. Nur Gumbinnen ist eine Ausnahme: Die im Stadtkern auch heute noch weitgehend erhaltene Bausubstanz aus deutscher Zeit wirkt fast heiter, weil die Fassaden weiß gestrichen sind und gepflegt aussehen. Wie zu deutscher Zeit steht wieder ein bronzener Elch in der Stadt und trägt zum Eindruck einer in sich ruhenden Provinzstadt bei. Irritierend aber ist eines: Die Städte wirken fast entvölkert. Die Bevölkerung nimmt ständig ab, weil hier, so wird uns berichtet, kein Geld verdient wird. Industrie ist nicht vorhanden und die Landwirtschaft ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Bauernhöfe gibt es nicht mehr.

Dieser Befund trifft in noch viel höherem Maße für die Dörfer zu. Ein großer Teil von ihnen existiert nicht mehr und in denen, die noch bestehen, ist der Zerfall weit fortgeschritten. Die Bevölkerung ist von einst vielen Hundert, ja oft mehr als Tausend, auf 90, 70, 30 Menschen geschrumpft.

Äcker für Selbstversorger

Es sind meist Alte, die hier als Selbstversorger mehr vegetieren als leben. Bauern gibt es dort wohl schon lange nicht mehr. Demoralisierend wirkt der Anblick der verfallenden alten deutschen Bausubstanz, Bauernhöfe und Kirchen, darunter mehrere Bauten des berühmten Schinkel-Nachfolgers Friedrich August Stüler.

So aber ist nicht der Zustand des ganzen Oblasts. Ein Kontrastbild hierzu bietet das Samland mit seinen Badeorten, die einst Cranz, Rauschen und Palmnicken hießen. Hier prägt Wohlstand das Bild. Die Bäder sind in gutem Zustand, weil, wie einst zu deutscher Zeit, die wohlhabenderen Königsberger die alten Villen renoviert und neue hinzugefügt haben. Einen gepflegten Eindruck macht auch Pillau, die für die russische Marine wichtige Hafenstadt, deren Anblick immer noch von den roten Backsteingebäuden aus preußischer Zeit geprägt wird.

Aber auch das einstige Königsberg macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn alte Königsberger ihre Stadt nicht mehr wiedererkennen. Unverändert von den Zeitläufen aber blieben die Naturschönheiten des Landes: Die Kurische Nehrung, die Romintener Heide aber auch die urwaldgleiche Elchniederung, wo der Elch heute wieder seine Fährte zieht. Sie alle blieben von dem, was der Mensch sich angetan hat, weitgehend unberührt. Gott sei Dank.

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