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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Corona-Krise: Die Weltmacht im Kriegszustand

30.03.2020

New York /Washington Das Gesicht des bis vor Kurzem nur Freunden und Verwandten bekannten New Yorker Krankenpflegers Kious Kelly kennen mittlerweile Millionen US-Bürger. Der 48-jährige Angestellte des renommierten Mount Sinai-Hospitals war das erste Todesopfer des Coronavirus innerhalb der medizinischen Branche, die im „Big Apple“ mit wachsender Verzweiflung eine Flutwelle von Patienten betreut.

Vergleicht man den Kampf gegen das Coronavirus – so wie es US-Präsident Donald Trump kürzlich getan hat – mit einem „Krieg gegen einen schrecklichen, unsichtbaren Feind“, so ließ Kelly sein Leben im „Epizentrum“ der Nation an vorderster Front. Und, wie es das Personal in einem von den US-Medien viel beachteten Protestschreiben formulierte, ohne ausreichende Schutzkleidung wie Atemschutzmasken, die eigentlich nach jedem Patientenbesuch gewechselt werden müssten.

Bedrohung belächelt

In den USA sind der John-Hopkins-Universität in Baltimore zufolge mittlerweile fast 125 000 Infektionen mit dem Erreger Sars-CoV-2 nachgewiesen worden. 56 Prozent aller neuen Infektionen werden in New York festgestellt. Fast 2200 Menschen starben mit oder an der Erkrankung Covid-19. Der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, hält es für möglich, dass zwischen 100 000 und 200 000 Menschen sterben könnten, und rechnet mit Millionen Corona-Fällen in den USA.

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Präsident Trump, der zunächst die Bedrohung durch das Virus belächelt und erste Erkrankungen mit harmlosen Grippefällen verglichen hatte, schlüpft derweil in die Rolle des Oberbefehlshabers. Am Samstag begab sich Trump im Ostküstenhafen Norfolk an Bord des Militär-Lazarettschiffs „Comfort“, das in den nächsten Tagen vor New York Anker werfen wird und mit über 1000 Betten und zwölf OP-Sälen künftig Kliniken entlasten und Patienten behandeln soll, die nicht am Virus leiden, aber dennoch Therapien wie Tumor- oder Unfall-Behandlungen benötigen.

Nach diesem Besuch erwog Trump zumindest kurzfristig sogar eine noch nie zuvor praktizierte Zwangs-Quarantäne seiner Heimatstadt New York. Am Vortag hatte der Präsident endlich – nach längerem Drängen zahlreicher Bundesstaaten – Notstandsgesetze ausgerufen, die normalerweise für einen Kriegszustand vorgesehen sind. Das ging mit der Anweisung an den Automobilkonzern General Motors einher, statt Fahrzeugen die so dringend benötigten Beatmungsgeräte herzustellen.

So wie es der Zweite Weltkrieg oder die Terroranschläge von 9/11 getan haben, so beeinflusst die Corona-Krise bereits das Alltagsleben und die Psyche der US-Bürger. Stimmen die Prognosen der Experten, so dürfte bald fast jeder US-Amerikaner einen Menschen kennen, der infiziert wurde. Es gibt Hamsterkäufe und Massen-Entlassungen – gepaart mit der Sorge, nicht mehr Mieten, Versicherungsbeiträge und Hypotheken zahlen zu können. Und die leer gefegten Innenstädte der großen Metropolen gleichen Szenarien, die man sonst nur aus Hollywoods „Zombie Apokalypse“ kennt.

Warnungen ignoriert

Gleichzeitig wurde, wie zuletzt am 11. September 2001, die Vorstellung ad absurdum geführt, dass die starke und moderne US-Gesellschaft unverwundbar ist. Denn trotz monatelanger Warnungen aus Ländern wie China oder Südkorea versagte das Land vor allem im Testbereich, was wiederum auch eine rechtzeitige Mobilisierung der Krankenhäuser und der notwendigen Ausrüstung verhinderte. Täglich gibt es nun neue „Hotspots“ – wie Los Angeles, Chicago oder New Orleans, wo kürzlich noch Menschenmassen unbekümmert und das Corona-Risiko ignorierend den „Mardi Gras“-Karneval gefeiert hatten.

Nun will das Weiße Haus, mit dem Rücken zur Wand, Zehntausende Pflegekräfte und Mediziner aus dem Ruhestand heraus an die Front verpflichten. Diese Menschen stehen vor einer schwierigen Wahl: Entweder ihr Leben riskieren – oder von zu Hause aus zusehen, wie sich die Pandemie weiter ausbreitet und Nachbarn, Familienangehörige oder Freunde gefährdet.

„Sie wollen, dass wir unser Leben ohne die notwendige Ausrüstung riskieren“, zitierte am Wochenende das Magazin „Vice“ eine 60-jährige Krankenschwester aus Kalifornien. Und: „Ich würde dann das Virus bekommen. Aber viele von uns werden dennoch antreten.“ So, wie es Kious Kelly bis vor Kurzem getan hat.

Friedemann Diederichs Korrespondentenbüro Washington
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