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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Bildung: Nicht nur der Kopf geht in die Schule

10.10.2013

Oldenburg /Essen Eigentlich müsste Werner Schmidt die Zahlen nicht kommentieren. Sie erschrecken auch in ihrer Nüchternheit. Doch ab und an rutscht dem an der Universität Duisburg-Essen lehrenden Professor ein drastischer Satz heraus. „Das ist der Hammer!”, sagt der in Oldenburg lebende Sportwissenschaftler dann. Oder: „Darüber muss man doch reden!“

Worüber man reden muss, hat der 64-Jährige in seiner neuen Veröffentlichung herausgestellt. „Die deutsche Gesundheits- und Bildungskatastrophe” heißt der jüngste Band einer Reihe, in der Schmidt jeweils die neueren Erkenntnisse in der Kinder-, Jugend-, Sport- und Sozialforschung aufbereitet.

Sein Fazit: „Jedes dritte Kind oder Jugendliche wächst heute in einem prekären Gesundheits- und Bildungsstand auf. In Ballungsräumen verelenden ganze Stadtteile. Noch nie hatten diese Schichten so schlechte Chancen auf ein angemessenes Leben.“

Geburtenrückgang

Die neuen Statistiken haben es in sich. Sie zeigen etwa, dass von 1980 bis 2010 die Zahl der Geburten in Deutschland um 31 Prozent zurückgegangen ist. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Kinder, deren Eltern oder alleinige Erzieher Sozialhilfe beziehen, um 800 Prozent.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund nennt Werte, die persönliche Schicksale verdeutlichen. In Gelsenkirchen leben 42,6 Prozent aller Kinder in prekären Verhältnissen. In Essen, der „Hauptstadt armer Kinder”, leuchten differenzierte Erhebungen noch mehr Winkel aus. Von 2005 bis 2008 hat sich der Anteil der Familien mit Kindern und Einkommen unter 12 000 Euro von 26,6 auf 36,3 Prozent erhöht. In den gleichen drei Jahren stieg die Quote der Lebensgemeinschaften mit Einkommen von über 61 500 Euro von 16,2 auf 25 Prozent. „Ist das gerecht, wenn sich in einer Vorzeigedemokratie diese Schere weiter öffnet?“ fragt Schmidt – ohne eine Antwort zu erwarten.

Schmidt räumt auch mit jener Vorstellung auf, mit der es sich „feinere” Regionen gemütlicher eingerichtet zu haben scheinen. Oldenburg mag er im gesellschaftlichen Konsens durchaus noch „als eine Insel der Glückseligen” gelten lassen. Aber dass in Hamburg die Gegensätze von Arm und Reich derart aufeinander prallen, muss entsetzen.

„Zum Jahresende 2010 lebten in der Metropole von 1,77 Millionen Einwohnern 26 Prozent aller Kinder bis sechs Jahren von staatlicher Unterstützung”, hält der Forscher vor.

Alleinerziehende hat Werner Schmidt als die größten Verlierer der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung ausgemacht. Anders etwa als in den skandinavischen Ländern „hat Deutschland viel zu lange auf die Halbtagsschule gesetzt und zu wenig auf die Berufstätigkeit der Frau.” Mit Niedrigeinkommen und Armut leben 31 Prozent der Alleinerziehenden, im Ruhrgebiet gar 66. Mit Niedrigeinkommen und Armut müssen sich aber nur 9,8 Prozent der Paare mit zwei Kindern arrangieren.

Wenig Aufwand nötig

Längst schlagen diese Zahlen auf die Bilanzen bei der Einschulung durch. Beispiel Koordinierungsstörung: 1986 kamen 7,8 Prozent der Kinder derart behindert in die Schule, 2008 schon 31,2. Beispiel Sprachstörungen: 1986 betrafen sie 9,2 Prozent, 2008 schon 24,8. Schmidt interpretiert solche Bilanzen schonungslos. „Das deutsche Bildungssystem nimmt keine Rücksicht auf kleine Kinder. Dabei lässt sich mit wenig Aufwand so viel bewegen.“

Bewegen ist in der Tat das Zauberwort. „Frühförderung heißt immer Bewegungsförderung”, doziert Schmidt. „Man schickt nicht nur den Kopf eines Kindes in den Kindergarten oder die Schule”, hat ihm mal eine Grundschullehrerin vorgehalten. „Wer mit drei Jahren in einen Kindergarten kommt und für ein bis anderthalb Jahre immer spannende Bewegungsanreize erhält, verbessert sich nicht nur in der Motorik um bis zu 50 Prozent, sondern gerade auch in der sprachlichen Entwicklung.“ Seine Osnabrücker Kollegin Prof. Dr. Renate Zimmer drückt es so aus: „Toben macht schlau!”

Unter EU-Durchschnitt

Das Tolle an einer bewegten Schule: „Sie kostet nicht einmal viel, manches ist schon vorhanden”, belegt Schmidt. Ohnehin ist es beschämend, was Deutschland für seine Zukunft, die nur in breiter Bildung liegen kann, für diesen Sektor ausgibt: gerade einmal 3,0 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Das liegt unter dem Durchschnitt der EU (3,5 Prozent) und weit hinter skandinavischen Ländern (4,8) oder Frankreich (4,1).

Da blitzt beim ebenso engagierten wie selbstbeherrschten Schmidt dann doch Wut auf. „Können Sie verstehen, dass ich mich um das, was menschlich hinter solchen Bilanzen steckt, auch schon mal mit dem Bundesfinanzminister heftig gestritten habe?“ Aber ja!

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