• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • LocaFox
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Niedrigpreise mit hohen Folgekosten

19.03.2014
NWZonline.de NWZonline 2015-07-23T09:06:08Z 280 158

Nahrung:
Niedrigpreise mit hohen Folgekosten

OldenburgAuf dem 3D-Flachbildschirmfernseher kredenzt ein TV-Gourmet Sechsgangmenüs. Dazu gibt es Tiefkühlpizza. Im doppeltürigen Kühlschrank wartet Joghurt für 19 Cent auf den kleinen Hunger. Der wird vorzugsweise unterwegs mit dem Döner zu 2,80 Euro gestillt.

Wenn es ums Essen geht, ist Geiz immer noch geil in Deutschland: Nicht mal 15 Prozent ihres Einkommens geben die Bundesbürger für Lebensmittel aus – weniger als für Wohnen, Autofahren oder das neue Smartphone.

Kampf der Discounter

Nirgends in Europa ist Nahrung so billig wie hierzulande – und der Preiskampf der Einzelhändler so hart. Aldi ist gerade mit neuen Tiefpreisen vorgeprescht. Die anderen Discounter haben kaum eine andere Wahl, als zu folgen.

Doch der Billigtrend hat Folgen. Eckehard Niemann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Niedersachsen/Bremen, spricht von einer „Überproduktionskrise“, angeheizt von Schlachtereien, Molkereibetrieben und Hähnchenmästern. „Es werden zu viele Lebensmittel produziert. Zehn Prozent mehr Geflügel, 20 Prozent zu viele Schweine – und das wird dann zum Spottpreis verschleudert.“ Die Handelsketten würden da nur aufspringen. „Notgedrungen, um sich am Markt zu behaupten.“

Artgerechte Tierhaltung könne dabei gar nicht eingehalten werden. „Wenn der Staat die EU-Richtlinien bezüglich Stallgröße, Weidegang, dem Verbot von Schnabelkürzung und Abkappen von Schweineschwänzen durchsetzten würde, könnten die Produkte nicht mehr zum derzeitigen Preis angeboten werden“, sagt der 65-Jährige. Proteste von Verbrauchern befürchtet er nicht: „Qualität hat ihre Preis. Wenn Benzin teurer wird, fahren die Menschen auch Auto und machen keinen Aufstand.“

Lassen sich die Deutschen tatsächlich höhere Kosten für Nahrung auftischen? „Zumindest langfristig müssen sie sich darauf einstellen, denn die Rohstoffpreise am Weltmarkt werden steigen“, sagt Wolfgang Adlwarth vom Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK. Dass gerade die Deutschen im internationalen Vergleich so wenig Geld für Lebensmittel ausgeben, hat für ihn kulturelle Gründe: „Essen hat hier nicht den Stellenwert, wie in Italien oder Frankreich.“ Zudem gebe es in Deutschland eine lange Tradition von Discountern. „Aldi gibt es jetzt seit 50 Jahren“, sagt Adlwarth , „dadurch kommt es zu einer Preissensibilisierung.“ Der Marktanteil der Billiganbieter liege mittlerweile bei 45 Prozent – weit höher als in anderen Ländern.

Regionalität wird wichtig

Erst seit Kurzem zeichnet sich eine mögliche Trendwende ab. „Der Unaufhaltsame Anstieg war 2009 vorbei“, sagt Adlwarth. Aspekte wie Regionalität und Umweltverträglichkeit spielten eine zunehmend größere Rolle – aber auch Service und Komfort. Die großen Supermärkte verlängerten ihre Öffnungszeiten, machten Einkaufen zum Freizeitvergnügen – und schufen gleichzeitig neue, günstige Eigenmarken. Im Gegenzug findet man inzwischen Fairtrade-Ware und Bioprodukte auch bei Aldi und Lidl.

Supermarkt und Discounter werden einander also immer ähnlicher. Ist das der Grund für die Preisschlacht? „Ja“, sagt Rolf Knetemann. Der Geschäftsführer vom Unternehmerverband Einzelhandel Nordwest kann daran nichts Skandalöses finden: „Um sich von Mitbewerbern abzuheben, werden Preise gesenkt. Das lockt Kunden an. So funktioniert die Marktwirtschaft.“ Und der Verbraucher profitiere schließlich von günstigen Preisen. „Erst wenn Landwirtschaft und Nachhaltigkeit gefährdet würden, müsste man einschreiten“, sagt Knetemann. „Bis dahin ist die Welt in Ordnung.“

Für Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) ist dieser Punkt längst überschritten. Über schärfere Kontrollen und strengere Vorschriften will er mehr Qualität bei Lebensmitteln erzwingen. „Fleisch ist in Deutschland viel zu billig“, sagt Meyer. Er appelliert an die Kunden, lieber beim Metzger um die Ecke zu kaufen und die Billigstrategie der Ketten nicht zu unterstützen.

Der Argumentation folgt Unternehmensvertreter Knetemann nicht. „Mal ist Butter günstig und Obst teuer, dann gibt es Gemüse im Angebot und Milch kostet mehr und in der nächsten Woche ist es umgekehrt“, sagt er. Mit dieser Rechnung würden die Händler am Ende schwarze Zahlen schreiben. Kleine Anbieter wie den Tante Emma Laden oder den Gemüsestand auf dem Wochenmarkt würden die Preisschlachten ohnehin nicht tangieren: „Die haben ein ganz anderes Klientel.“

Skandale verebben

Doch diese Gruppe ist noch immer recht klein. „70 Prozent der Kunden haben mit Bioware nichts am Hut“, sagt Konsumforscher Adl­warth. Lebensmittelskandale wie die Pferdefleisch-Lasagne oder die Dioxin-Eier führten zwar zu einem kurzfristigen Anstieg, der ebbe aber schnell wieder ab, sobald das Thema aus den Nachrichten – 3D-Flachbildschirmfernseher – verschwunden sei.

Bauern-Vertreter Niemann hofft, dass die Deutschen das Billigfleisch irgendwann einfach satt haben. „Das wäre die einfachste Lösung.“