London - Die großen Brexit-Männer gehen von Bord. Ausgerechnet die beiden wichtigsten Wortführer des Anti-EU-Lagers geben auf – schnell, entschlossen und mit windigen Begründungen. Er wolle „sein Leben zurückhaben“, sagt etwa Hardliner Nigel Farage, er habe alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Der Mann, der das sagt, ist gerade mal 52 Jahre alt. Sein Rücktritt als Chef der Ukip trifft seine Anhänger völlig unvorbereitet.

Ein echter Schock war auch der Rückzug von Boris Johnson. Er wolle sich jetzt doch lieber nicht als Premierminister bewerben, verkündete er. Unter den Tory-Abgeordneten war der Rückhalt für den früheren Londoner Bürgermeister ohnehin nicht sonderlich ausgeprägt.

Schon merkwürdig: Innerhalb von wenigen Tagen hat das Brexit-Lager sein Gesicht verloren. Statt nach dem Sieg mit großen Visionen einer vermeintlich verheißungsvollen Zukunft jenseits der „EU-Diktatur“ unters Volk zu gehen, gingen Farage und Johnson, zwei Männer, die sonst keine Kamera auslassen, erst mal in Deckung.

„Das sind Zerstörer, die von Eitelkeit getrieben sind. Sie schaden ihrem Land, um sich selbst zu profilieren. Das macht einmal mehr deutlich, wie fragwürdig die ganze Brexit-Kampagne war“, erklärte Elmar Brok (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Europäischen Parlaments, gegenüber dieser Zeitung.

Kein Zweifel, auf den nächsten britischen Premier kommt einiges zu: Brexit-Verhandlungen mit Brüssel, Schottland steuert auf ein zweites Unabhängigkeits-Referendum zu – „die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, nennt das die „Financial Times“. „Die Tories brauchen einen Führer mit einem Plan für Großbritannien.“

Wenn nicht alles täuscht, stehen die Chancen gut, dass erstmals seit Margaret Thatcher wieder eine Frau in 10 Downing Street einzieht. An diesem Dienstag beginnen die Abgeordneten mit ihrem Auswahlverfahren. Als Favoritin gilt Innenministerin Theresa May (59). Sie hat sich bisher vor allem als Hardliner in Sachen Migration profiliert, gilt als durchsetzungsfähig.

Ihre Besonderheit: Sie plädierte zwar für einen Verbleib in der EU, hielt sich während des Wahlkampfs aber bedeckt – jetzt präsentiert sie sich als Versöhnerin, die die Gräben in der Partei überwinden könne. Manche Kommentatoren halten ihr Verhalten für taktisch überaus geschickt, doch es kann auch zum Makel werden.

Ihre Konkurrentin, Energieministerin Andrea Leadsom (53), etwa mahnt bereits an, der Premier-Job müsse einem Brexit-Menschen zufallen. Doch auch sie hat keine wirklich weiße Weste, heißt es in britischen Medien. Sie habe vor Jahren erklärt, das Königreich solle besser nicht aus der EU austreten. Die Chancen für Justizminister Michael Gove (48) sind aber ebenfalls geschrumpft. Kritiker halten ihm vor, er habe Johnson das Messer in den Rücken gestochen – und sich dabei erwischen lassen.

Insgesamt fünf Kandidaten stehen zur Wahl, zunächst haben die Abgeordneten das Wort. Sie wählen zwei Kandidaten aus, die sich dann dem Votum der gut 150 000 Parteimitglieder stellen. Bis Anfang September soll die Personalie vom Tisch sein.

Übrigens: Keiner der Kandidaten hat es eilig mit dem EU-Austritt, alle wollen eher erst im nächsten Jahr zum Austrittsartikel 50 greifen. Die EU-Politiker, die für eine rasche Trennung sind, finden das gar nicht gut.