OLDENBURG - Fußball ist so kompliziert, dass er die grandiosen Vereinfacher braucht. Ein genialer Pass, eine verblüffend verständliche Erklärung, das sind Spielzüge, die Zuschauer wie Kinder staunen lassen. Vielleicht ist Franz Beckenbauer der König des einfachen Spiels auf dem Platz und in der Gesellschaft. Oder doch nicht?
Es ist schon falsch, ihn nur als „König“ zu bezeichnen. Der Mann, der an diesem Sonnabend 65 Jahre alt wird, gilt ja als „Kaiser“. Selbst in Österreich, wo er in einem Tiroler Bauernhaus in der Nähe des Wilden Kaisers sein Privatleben führt, verbinden mehr Menschen mit diesem Rang den Namen Beckenbauer als den von Franz, dem Ersten. Neben der Kaiserstatue in Wien wurde der Fußballspieler 1968 fotografiert. Das führte in einer Zeitung prompt zur Assoziation: Der Fußball-Kaiser neben dem Kaiser. Heute müsste es heißen: Der österreichische Kaiser neben dem Kaiser.
Positive Lebenseinstellung
Schon die Fußballlaufbahn begann mit einer einfachen Entscheidung. In einem Jugendspiel für den SC München 1906 erhielt Franz Beckenbauer eine Ohrfeige von seinem Gegenspieler von München 1860. Folglich wechselte Franz nicht wie geplant zu den Sechzigern, sondern zum FC Bayern. Vom Jugendspieler bis zum Ehrenpräsidenten war dort das künftige Leben festgelegt.
Komplizierte Abläufe vermied er auch als Teamchef der Nationalmannschaft. „Ich brauche keinen Vertrag“, beschied er DFB-Präsident Neuberger. „Wenn ich nicht mehr will, sage ich Ihnen das. Und wenn Sie mit mir nicht mehr zufrieden sind, sagen Sie mir das auch.“ Die Spieler schickte er mit dem Rat ins WM-Turnier: „Gehts raus und spielts Fußball!“
Auch seine größte Vision vermittelte er mit einer volkstümlichen Botschaft. Dass Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 erhielt, basierte entscheidend auf dem Einfluss und dem Ansehen Beckenbauers. „Es ist eine große Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie schön, entspannt und fröhlich Deutschland geworden ist“, erklärte er mit Überzeugungskraft.
Doch die kreuz und quer laufenden Winkelzüge im Hintergrund der Wahl 2000 verdeutlichen, dass Fußballgeschäft und Politik nicht so einfach funktionieren, wie es Beckenbauer gern vorgibt. Er mag es selbst sogar glauben. Dafür steht seine grundsätzlich positive Lebenshaltung. Wenn diese von zu komplexen Zusammenhängen bedroht wird, verdrängt er das. Er filtert für sich das Wichtige heraus und belastet sich wenig mit Hintergründen: „Was soll ich mit all diesen Informationen?“ Wie der legendäre Comic-Glückspilz Gustav Gans wird er damit stets zum Gewinner. Das hat seinen Preis. Sohn Thomas charakterisiert ihn: „Bei aller Jovialität und allem Dauercharme fehlt ihm die Fähigkeit zur Nähe.“
Es bedarf vertrauter Helfer, so durchs Lebens-, Geschäfts- und Ehelabyrinth mit drei Hochzeiten zu gleiten. Als Libero hatte er seinen Putzer Katsche Schwarzenbeck vor sich. In seiner Persönlichkeitsentwicklung hat ihn, nach seiner fußballbegeisterten Mutter Antonie, niemand geprägt wie sein väterlicher Freund Robert Schwan. Schon der erste Werbevertrag war ein Volltreffer. Beckenbauer wollte sich für 1000 D-Mark mit einer Frisiercreme zufrieden geben. Schwan tischte mit „Kraft in den Teller“ für 12 000 D-Mark die erste legendäre Suppe auf.
Authentisch und verwirrend
Bis heute hat Beckenbauer die Schläue behalten, die richtigen Verwalter seiner Vermögen und seiner Auftritte zu finden. Ohne sie würde er wohl die Übersicht verlieren. Wenn er so etwas spürt, wirft er entwaffnend sein „Schaun mer mal“ ein. Bleibt er authentisch, sorgt er oft für Verwirrung. Für die Kunst, sich selbst zu widersprechen, haben Spötter den Begriff „Multiple Persönlichkeitsspaltung“ aufgebracht. Wohl wahr, wenn er als Zeitungskolumnist etwa den Präsidenten des FC Bayern kritisiert, also zwischen 1994 und 2009 sich selbst. Oder wenn er als Fernseh-Experte dem Bayern-Trainer Ratschläge erteilt. Da ist er auch zweimal eingesprungen.
Einer wie er darf das ohne Verlust des Ansehens. Vielleicht lebt er ja vielen Zeitgenossen ihren Traum vor: Aus soliden bürgerlichen Verhältnissen aufzusteigen, dick am großen Geschäft teilzunehmen – aber bei Bedarf auf seiner persönlichen Insel immer fein Mensch sein zu dürfen.
