OLDENBURG - Am Mast weht die Fahne mit den Farben Mecklenburgs im Ostseewind. Der schlesische Backstein, aus dem Gut Redewisch im 18. Jahrhundert erbaut wurde, leuchtet in der Nachmittagssonne. „Hier ist jetzt meine Heimat“, sagt Ole Lueder, 39, geboren in Oldenburg, zurückgekehrt an den Ort, von dem seine Familie vor 65 Jahren vertrieben war.

Die Geschichte der Familie Lueder ist ein Stück von vielen im Puzzle der roten Diktatur, die von 1945 bis 1989 die Menschen in der Sowjetzone, später der DDR, unterdrückte. Die Geschichte der Familie Lueder ist gleichzeitig ein ermutigendes Symbol für den Aufbau Ost und für den Neuanfang nach 1989.

„Das war eine Ruine, die Treppe zugewuchert, die Fenster zerdeppert“, erinnert sich der Oldenburger Architekt Carl-August Lueder (76), Vater von Ole, an das erste Wiedersehen mit Gut Redewisch am 27. Dezember 1989. „Als die Mauer fiel, war ich in Bonn“, erinnert sich Carl-August Lueder. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich das noch erleben würde. Das Thema Mecklenburg, Boltenhagen und Gut Redewisch erledigt.“

Nach dem Fall der Mauer wich die Angst, die Carl-August Lueder seit der Vertreibung packte, wenn er daran dachte, in die alte Heimat zu reisen. „Wenn man das erlebt hat, traut man den Kommunisten nicht mehr.“

Carl-August Lueder ist ein Junge von 11 Jahren, als die rote Herrschaft in Mecklenburg 1945 beginnt. Nicht lange nach dem Einmarsch der Roten Armee wird die Familie im Spätsommer 1945 enteignet. Man lebt danach auf einem Bauernhof.  „Irgendwann bekam mein Vater einen Tipp. „Die wollen Dich verhaften.“

Mit einem Lkw werden die Lueders nach Lübeck in den Westen gefahren. Nur Clara (Foto), die Großmutter von Carl-August Lueder, bleibt in Boltenhagen. Ihr Mann, der letzte Gutsherr auf Redewisch, ist tot. Sie hofft, dass das rote Spuk vorüber geht.

Carl-August Lueder, der Junge aus Boltenhagen, kommt mit der Familie 1949 nach Oldenburg. Die Jahre zuvor hat man im Saterland verbracht. In Oldenburg werden sie heimisch. „Wir hatten familiäre Bindungen hierher. Ein Onkel war Offizier bei den Dragonern. Aber mein Vater hat immer gehofft, wir kämen irgendwann wieder nach Boltenhagen zurück.“

Die Familie Lueder wohnt in Kreyenbrück, Carl-August Lueder arbeitet als Architekt und sein Sohn Ole wird Kaufmann bei Rosier. „Ich habe mich in Oldenburg wohl gefühlt, eine schöne Stadt. Aber die Wende hat alles verändert“, erinnert Ole Lueder sich.

Als die Familie Gut Redewisch, nur wenige hundert Meter von der Ostseeküste entfernt, 1989 besucht, ist es ein Glück. „Wir sind von den Nachbarn freundlich aufgenommen worden“, weiß Carl-August Lueder noch heute.

Anfangs dachte man in der Familie Lueder, dass mit der Wende und der Wiedervereinigung auch die Gerechtigkeit zurückkehrt nach Mecklenburg und Boltenhagen. „Nach all dem Unrecht zur kommunistischen Zeit, hatten wir keinen Zweifel“, sagt Carl-August Lueder. Aber dann wird bekannt, was im Einigungsvertrag stehen wird, den Wolfgang Schäuble (West) und Günther Krause (Ost) am 31. August 1990 im Berliner Kronprinzenpalais unterschreiben – Enteignungen zwischen 1945 und 1949 werden nicht rückgängig gemacht. „Das war der zweite Willkürakt in Deutschland und ich hätte nie gedacht, dass das in unserem Rechtsstaat möglich ist“, sagt Carl-August Lueder. Es beginnt ein langer Kampf ums Eigentum.

Ole Lueder, der mit dem Vater jahrelang mit der Treuhand über den Rückkauf verhandelt, will die Vergangenheit ruhen lassen. „Ich bin pragmatisch an die Sache gegangen. Ich wollte an der Ostsee etwas aufbauen und hier ankommen, ohne alte Wunden aufzureißen“, sagt der Hotelier heute.

1999 kaufen die Lueders ihr Eigentum für fast 700 000 Mark zurück. Im Frühjahr 2001 eröffnet Ole Lueder das Gutshaus Redewisch wieder. Es ist eine beliebte Adresse für Urlauber, die für die unberührte Natur zwischen Klützer Winkel und Halbinsel Tarnewitz schwärmen. „Der Anfang war schwer“, sagt Lueder. Zum mühevoll renovierten Gutshaus führte nur ein Feldweg, und Ole Lueder steckte unter die Scheibenwischer der Urlauberautos, Zettel, um zu werben.

„Ich habe heute hier in Mecklenburg meine Freunde“, sagt der Oldenburger Junge Ole Lueder. Sein Vater Carl-August, der gebürtige Mecklenburger, wohnt für einige Wochen im Jahr auf Gut Redewisch. „Aber in Oldenburg“, sagt er, „ist jetzt meine Heimat.“