OLDENBURG - Da kommt eine frische Lieferung, eine Mitarbeiterin schiebt sie auf einem silbernen Servierwagen über den Flur: zwei 100-Gramm-Packungen Bockhornskleesprossen vom Gärtnerhof Bienenbüttel aus Uelzen, küchenfertig verpackt. Die Journalisten machen schnell ein paar Fotos.
Das hier ist der Fachbereich 121 des Lebensmittelinstituts in Oldenburg (Laves), Mikrobiologie steht auf einem Schild links neben Zimmer 12, und jetzt dürfen die Reporter sogar einmal durchs Bullaugenfenster schauen. Reingehen können wir natürlich nicht, sagt Dr. Silke Klotzhuber, die Laves-Sprecherin. Zimmer 12 ist eines der Labore, in dem die verdächtigen Sprossen und anderes Gemüse auf EHEC untersucht werden, und EHEC ist ein hochinfektiöser Keim. Hinter dem Bullaugenfenster sieht man Laborkräfte Gemüse aufbereiten, sie tragen weiße Kittel und große Handschuhe.
Draußen vor dem Institut steht Professor Dr. Eberhard Haunhorst vor dem Adressschild Martin-Niemöller-Straße 2 und spricht in Fernsehkameras. Die Journalisten hinter den Kameras drängen auf Antworten: Sind die Sprossen aus Uelzen nun der Auslöser für die EHEC-Erkrankungen? Und ist die Gefahr endlich gebannt? Aber Haunhorst, der Präsident des Laves, muss die meisten Fragen unbeantwortet lassen, so einfach ist die Sache nicht. Wir werden wohl noch zwei Wochen brauchen, sagt er in eine Fernsehkamera, 100-prozentig nachweisen können wir es vielleicht nie, erklärt er in eine andere Kamera.
Denn die Test sind kompliziert. Da müssen Proben zuerst angereichert werden, dann folgt der Toxinbildungsnachweis, später der DNA-Nachweis. Das ist eine sehr umfangreiche Analyse, bittet Haunhorst um Verständnis.
566 Proben hat das Laves bislang eingesammelt, 288 wurden in den Labors in Oldenburg, Hannover und Braunschweig abschließend untersucht. Der Erreger wurde nicht gefunden.
Aber Eberhard Haunhorst ist nicht nur Präsident der Mikrobiologen dort unten im Erdgeschoss des Lebensmittelinstituts, er steht auch einer Mannschaft von Lebensmittel-Detektiven vor: Mitarbeiter aus Laves, Gesundheitsämtern und Veterinärämtern haben sich die Erkrankungsgeschichte der einzelnen EHEC-Patienten ganz genau angeschaut. Sie haben versucht herauszufinden, was die Kranken gegessen haben, wo sie eingekauft haben, in welchen Restaurants und Kantinen sie waren.
Haunhorst sagt Wir, wenn er von dieser akribischen Arbeit spricht, und dann guckt er ein bisschen stolz und sagt: Es ist uns gelungen, über Landesgrenzen hinweg eindeutige Zuordnungen nachzuweisen. Soll heißen: Auffällig viele Wege führen zum Gärtnerhof Bienenbüttel in Uelzen.
Ein Fernsehreporter hat ein gezeichnetes Diagramm dabei, es zeigt sehr viele Kästchen und Pfeile. An der rechten Bildseite stehen zahlreiche Krankheitsfälle in verschiedenen Orten, an der linken Seite steht nur ein Ort: Bienenbüttel. Das ist absolut plausibel, findet er.
Es fängt an zu regnen, die Journalisten beenden ihre Interviews. Sehr viel Neues können sie ihren Lesern und Zuschauern nicht berichten: Die Quelle der EHEC-Keime ist immer noch nicht zweifelsfrei identifiziert, die Warnung vor rohen Gurken, Tomaten und Salat bleibt bestehen, und wie so ein Keim überhaupt aufs Gemüse kommen kann, ist ebenfalls noch unklar. Die Experten prüfen das gerade, sagt Eberhard Haunhorst geduldig.
Die Fernsehteams machen noch schnell ein paar Außenaufnahmen vom Lebensmittelinstitut, sie werden die Bilder in den nächsten Wochen vermutlich noch oft brauchen für ihre Nachrichtensendungen.
Auf dem Flur von Fachbereich 121 sind inzwischen die beiden Packungen mit den Bockhornskleesprossen verschwunden. Die Mitarbeiterin hat sie ins Labor gebracht, zu den 278 anderen Proben.
