OLDENBURG - „Terroristin“, „Staatsfeindin Nr. 1“ – der jetzt in den Kinos anlaufende Film „Der Baader Meinhof Komplex“ ruft die schrecklichen Verbrechen einer fanatisierten „Rote Armee Fraktion“ (RAF) rund um Ulrike Meinhof nochmals in Erinnerung. Die Spurensuche in der Geburtsstadt Oldenburg zeigt einen anderen Menschen.
„Ein junges Mädchen, das sich absolut mit ihrer Schule und Oldenburg identifiziert“, sagt Dorothee Rohde. Mit rund 30 Schülern einer 10. Klasse der Liebfrauenschule forschte sie 2003 ein halbes Jahr nach Klassenkameradinnen, Weggefährten und Freundinnen – und fand das Bild „einer rebellischen Ulrike Meinhof, die früh Bücher las, die kein anderer verstanden hat, und an die andere Menschen nur positive Erinnerungen haben“. Dorothee Rohde: „Wenn es eine Radikalität gab, dann in der Nächstenliebe.“
Auch andere Biografen wie die Meinhof-Tochter Bettina Röhl, Alois Prinz oder Jutta Ditfurth kommen zu ähnlichen Ergebnissen. „Im katholischen Liebfrauengymnasium hat sich die Protestantin sehr wohl gefühlt bei den Nonnen. Der Lieblingslehrerin Schwester Maria Ambrosine schreibt sie noch Monate vor ihrem Tod 1976 aus dem Gefängnis Stammheim einen Brief“, schildert Ditfurth im Gespräch mit dieser Zeitung eine wohl glückliche Zeit zwischen 1946 bis 1952.
Glücklich? Dass der Vater und Museumsdirektor Werner Meinhof kurz nach der Geburt der zweiten Tochter (7. Oktober 1934) mit der Mutter Ingeborg und der ersten Tochter Wienke von Oldenburg nach Jena zieht, dort an Krebs stirbt, die Mutter nur knapp die Kriegswirren übersteht und mit einer Freundin, Renate Riemeck, nach Oldenburg in die Ackerstraße zieht – das waren zuvor sicher turbulente Jahre. Da tut die Obhut der Nonnen an der Liebfrauenschule gut – auch als die Mutter 1948 stirbt und Renate Riemeck, eine spätere Professorin, die Fürsorge für die beiden Schwestern, Wienke besucht die Cäcilienschule, übernimmt. Eine Ersatzmutter.
Die Liebfrauenschule – das waren zu Beginn ein Raum und 26 Schülerinnen. „Alle Klassenkameradinnen haben Ulrike Meinhof sehr gemocht, sie war außerordentlich kameradschaftlich“, erinnert sich eine frühere Mitschülerin: „Ich habe eine ganze Zeit neben ihr in der Bank gesessen, und so bekam ich mit, wenn Ulrike unter der Bank ein Buch las, falls ihr der Unterricht nicht interessant genug war.“
Nietzsche, Goethes „Faust“, Rilke oder Hesse – schon als Teenager gönnte sich Ulrike heimlich schwere Geistes-Kost. Auch schon mal erwischt, zeigten die Nonnen christliche Toleranz. Dass die Schülerin weit reifer als ihre Freundinnen war, das fiel auf. Sie war gut in Deutsch, mit einer Eins in Religion, konnte hervorragend Gedichte vortragen, spielte gern Geige und glänzte mit sehr guten Aufsätzen. Ein erster Hinweis für die spätere Karriere als Journalistin. „Allseitig interessiert“, lauten spätere Zeugniseinträge. Aber auch: „Träumt gern“.
„Keine Arbeit war ihr zu schwer oder zu schmutzig, wenn es galt zu helfen“, wird später Schwester Ambrosine sagen. Nur mit Handarbeit hatte es Ulrike Meinhof nicht so sehr. Mit dem Gefühl für Gerechtigkeit dagegen schon. Fühlte sie sich falsch behandelt, wie später in der Cäcilienschule, hielt sie selbstbewusst dagegen. „Ulrike, Du landest entweder im Straßengraben oder im Kloster“, prophezeite ihr Schwester Ambrosine.
Ein Fingerzeig? Zeitweise führt Ulrike Meinhof Tagebuch. „Aufsatz vergessen, Englisch 3, Geigenstunde lala“, lautet der Eintrag am 27. Juni 1949. Schüleralltag. Oder: „Nudelsuppe. Ich muss abnehmen“, heißt es am 8. Juli 1949. Zu den letzten Zeilen gehört dagegen dieser Satz vom 17. Juli 1949: „Tue das Gute vor dir hin und frage nicht, was daraus wird“.
