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Nobelpreis Sanfte Wärme gegen Chinas Kälte

Thomas Borchert

OSLO - Weitsichtige Vernunft und sanfte Wärme gegen Kälte und Brutalität der Macht. Das war die Botschaft aus Oslo an Peking, als am Freitag der Friedensnobelpreis ohne den in China inhaftierten Preisträger Liu Xiaobo vergeben wurde. „Ich habe keine Feinde, keinen Hass“, hörten die Zuhörer am Freitag im Rathaus der norwegischen Hauptstadt aus einem Liu-Text, den die Schauspielerin Liv Ullmann vorlas.

Der Bürgerrechtler hatte ihn selbst vor fast genau einem Jahr vor dem Gericht vorgetragen, das ihn zu elf Jahren Haft für die Forderung nach Demokratie und Meinungsfreiheit verurteilte. Er sei optimistisch für sein Land, sagte der 54-Jährige damals weiter und äußerte sich lobend, voller Respekt und auch mit viel Wärme über diverse Fortschritte in seinem Land auf dem Weg zur Demokratie.

Verblüffte Zuhörer

Verblüfft und auch bewegt vernahmen das die Zuhörer, unter ihnen Norwegens König Harald V. Denn Lius Worte wollten so gar nicht zum Verhalten der chinesischen Führung seit der Entscheidung des Nobelkomitees im Oktober passen. Immer härter und brutaler hatte Peking gegen Norwegen als „Verursacherland“ getobt, mindestens 14 Staaten einen Boykott der Verleihungszeremonie abgepresst und Lius Ehefrau sowie anderen Vertrauten die Reise nach Oslo verboten.

Am Ende zauberten die Machthaber in ihrer Wut auch noch einen „Alternativpreis“ gegen die unliebsame Osloer Vergabe aus dem Hut. Genauso hatten es auch die deutschen Nationalsozialisten 1936 nach der Vergabe des Friedensnobelpreises an den Publizisten Carl von Ossietzky gemacht, dem vorher nach langer Haft wie Liu die Annahme des Preises in Oslo verboten wurde.

Thorbjörn Jagland, Chef des norwegischen Nobelkomitees, hütete sich davor, Schlüsse aus den Parallelen zwischen dem Streit um Ossietzky und den um Liu 74 Jahre später zu ziehen. „Man darf die chinesische Führung ganz bestimmt nicht mit den Nazis vergleichen.“ In seiner Laudatio verlangte er ohne Wenn und Aber ein schnelles Ende der Haft für den ersten Träger des Friedensnobelpreises aus China: „Er hat nichts Unrechtes getan. Deshalb muss er freigelassen werden.“

Der sozialdemokratische Ex-Ministerpräsident präsentierte die Entscheidung seines Komitees ansonsten eher als Realpolitiker denn als moralischer Mahner. Chinas erfolgreicher Kampf gegen Armut und für wirtschaftlichen Fortschritt könne nur Bestand haben, wenn politische Reformen folgen: „Ohne Meinungsfreiheit werden sich Korruption, Machtmissbrauch und Misswirtschaft ausbreiten.“

Globale Bedeutung

Diesen Appell an nüchterne Weitsicht in Peking weitete Jagland wegen der globalen Bedeutung des Riesenreichs mit seinen 1,3 Milliarden Bürgern auf andere Hauptstädte aus: „Wenn China eine funktionierende soziale Marktwirtschaft mit allen Menschenrechten entwickeln kann, wird sich das positiv für die ganze Welt auswirken.“ Das Umgekehrte werde auch global negative Konsequenzen haben.

Das Wüten aus Peking gegen den „gemeinen Kriminellen“ Liu Xiaobo wertete Jagland in seiner unaufgeregten Laudatio „eher als Zeichen von Schwäche“. Dazu passte, was Liv Ullmann aus dem Text des eingekerkerten Preisträgers an Persönlichem vorlas. Der lobte die ihn anklagenden Staatsanwälte, weil sie ihm „Respekt erwiesen hätten“. Liu lobte auch die „vielen Verbesserungen“ bei den Haftbedingungen seit seiner Entlassung aus einem Gefängnis 1991.

Freilassung verlangt

Unübliche Rede

Diplom zurückhalten

Jahrzehnten setzt sich Liu Xiaobo (54) für Gewaltlosigkeit ein. 1989 hatte er sich als Literaturdozent dem Hungerstreik der Studenten aus Protest gegen die Regierung angeschlossen.

die Truppen anmarschierten und auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Blutbad drohte, organisierte Liu den Abzug der Streikenden.

Von Mai 1995 an wurde Liu Xiaobo für acht Monate festgehalten, im Oktober 1996 für drei Jahre in ein Umerziehungslager gesteckt. Drei Jahre musste er Bohnen sortieren. In der Haft heiratete er 1998 seine Freundin Liu Xia. 1999 kam er frei.

An der Gründung des Pen-Clubs (Schriftstellervereinigung) 2001 war er maßgeblich beteiligt und übernahm den Vorsitz. Seine Persönlichkeit wurde zunehmend von den oppositionellen Kräften und auch moderaten Stimmen im System akzeptiert.

Aus Anlass des 60. Jahrestages der UN-Menschenrechtserklärung verfasste Liu Xiaobo 2008 mit anderen die „Charta 08“ – ein Appell für Menschenrechte. Zwei Tage vor der Veröffentlichung holte ihn die Polizei ab.

Im Dezember 2009 wurde er zu elf Jahren Haft verurteilt.

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