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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Der Schrecken von Notre-Dame

17.04.2019

Paris Es sind nur zwei Worte, aber darin schwingt eine Welt mit. In einem einzigen Augenblick zaubert der Name Geschichten und Erinnerungen vor das innere Auge. Die erste Assoziation ist für die meisten wohl „Der Glöckner von Notre-Dame“. Victor Hugos schaurig-romantische Geschichte vom hässlichen Quasimodo und der schönen Esmeralda. Dann folgt vielleicht der Gedanke an den ersten Paris-Urlaub mit Freund oder Freundin. Damals ging der Blick hinauf an der majestätischen Fassade – so hell und so strahlend, ganz anders als der traurig-schwarze Kölner Dom. Noch schöner: Abendliches Schlendern an der Seine, und dann tauchen über der Île de la Cité die leuchtenden Doppeltürme auf. Notre-Dame, mon amour (Notre-Dame, meine Liebe).

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Bilder vom Montagabend. Flammen schlagen aus dem Dach der Kathedrale. Schwarze Rauchwolken steigen vor einem tiefblauen Himmel auf. Das Feuer zerfrisst den Dachstuhl wie Motten einen alten gotischen Wandteppich, bis man die durchlöcherte Gewebestruktur erkennen kann. Nur geht es hier rasend schnell. Als der von Flammen umzüngelte Spitzturm wie ein gefällter Baum umkippt, wird das ganze Ausmaß der Brandkatas­trophe deutlich. Im Hintergrund der Videofilme, die diesen Moment festhalten, hört man den Aufschrei der Umstehenden. Dann wird es Nacht in Paris, und die Kathedrale glüht, als wäre sie ein gut bestückter Kaminofen.

Erste Reaktion: Unglaube

Die erste Reaktion ist Unglaube. Notre-Dame in Flammen? Das kann doch nicht sein! Ein so berühmtes Wahrzeichen, ein solcher Identifikationspunkt scheint unangreifbar. Er zeichnet sich gerade durch seine Beständigkeit aus. Man kommt als junger Mensch nach Paris und besichtigt die Kirche, und im Alter kehrt man vielleicht noch einmal zurück, und sie ist immer noch da, unverändert. Deshalb erscheinen die Bilder von der brennenden Sehenswürdigkeit zunächst auch wie aus einem Katastrophenfilm – völlig fiktiv. Eben das hat das Feuer gemeinsam mit Terroranschlägen wie am 11. September 2001 in New York oder im November 2015 in Paris.

Der große Unterschied besteht natürlich darin, dass dabei viele Menschen getötet wurden, und darum sind sie ungleich schlimmer. Aber das Grundvertrauen wird auf ähnliche Weise erschüttert, weil scheinbar Unmögliches geschieht.

Das ist einer der Gründe dafür, warum sich der Schock keinesfalls auf Frankreich beschränkt. Millionen Menschen fühlen sich persönlich getroffen. Einer von ihnen ist Ulrich Wickert, wohl Deutschlands Frankreich-Erklärer Nummer 1. „Es sind mir ganz viele Dinge durch den Kopf gegangen“, erzählt der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator. „Persönliche Erinnerungen. Ich bin zum ersten Mal 1956 in der Kirche gewesen, weil ich damals ja in Paris zur Schule gegangen bin.“ Und so hätten auch zahllose andere Menschen aus aller Welt persönliche Erinnerung an dieses Bauwerk. Schätzungen zufolge hat Notre-Dame jedes Jahr 13 Millionen Besucher. „Das ist mehr als der Eiffelturm. Da müssen Sie lange Schlange stehen, bevor Sie reinkommen.“

Wenn der 76 Jahre alte Journalist heute in Paris ist, geht er für gewöhnlich zu Fuß – und wann immer es sich anbietet, nimmt er den Weg an Notre-Dame vorbei. Er schimpft dann über die vielen Touristen, die ihm den Weg versperren, aber das gehört mit zum Ritual. „Die Kirche beherrscht ja die Stadt“, sagt er. Ihre Geschichte sei Teil der französischen Identität. Napoleon setzte sich dort 1804 selbst die Kaiserkrone auf, General Charles de Gaulle besuchte 1944 die Messe, obwohl noch deutsche Heckenschützen auf den Dächern lagen. „Und dann die Totenmesse von Präsident Francois Mitterrand. Es gibt dieses berühmte Bild, wo Helmut Kohl dort sitzt und ihm eine Träne über die Backe läuft. Das gehört alles zusammen.“

Franzosen geeint

Der Schock für die Franzosen sei entsprechend groß. „Das hat man an dem Abend gesehen. Tausende standen um die Île de la Cité herum und haben entweder geschrien oder geweint. Und in der Nacht haben Tausende plötzlich angefangen, Kirchenlieder zu singen. Alle vereint. Wann tut man das?“ Wickert ist davon überzeugt, dass das Feuer die Franzosen zumindest vorübergehend einen kann. „Durch dieses Ereignis ist plötzlich jede Spaltung weg, alle sind in der Trauer eins.“ Der Effekt geht womöglich noch über Frankreich hinaus. Der in den vergangenen Jahren von Rechtspopulisten häufig missbrauchte Begriff vom „christlichen Abendland“ hat hier vielleicht etwas von seiner ursprünglichen Bedeutung zurückerhalten. Plötzlich ist es wieder da: das Bewusstsein dafür, dass ein kulturelles Erbe Europa verbindet, unabhängig davon, was man nun glaubt und ob man überhaupt glaubt. Die Zeitung „The Guardian“ aus dem vom Brexit gespaltenen Großbritannien schreibt am Dienstag: „Wie dumm es doch in einem Moment wie diesem erscheint, so zu tun, als wären wir nicht alle Europäer.“

„In Frankreich ist die Gotik erfunden worden, sie war im Mittelalter der Exportschlager Frankreichs“, erläutert der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich. Der Kölner Dom zum Beispiel ist von der Kathedrale von Amiens in Nordfrankreich inspiriert, sein Architekt Meister Gerhard hat dort möglicherweise seine Ausbildung erhalten. Es galt deshalb 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs als besonderer Zivilisationsbruch, als die Deutschen auf ihrem Vormarsch gen Paris die Kathe­drale von Reims beschossen.

Frankreichs Regierung zeigte sich entschlossen, die Kathedrale Notre-Dame in Paris wieder aufzubauen. Das Wahrzeichen solle innerhalb der nächsten fünf Jahre wieder aufgebaut werden und dann noch schöner sein als vorher, sagte Präsident Emmanuel Macron am Dienstagabend in einer TV-Ansprache: „Wir werden handeln. Und wir werden Erfolg haben.“

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