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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Partei ließ Protest niederknüppeln

16.06.2016

Berlin Hardy Firl war 21 Jahre alt, als er am 17. Juni 1953 von den Protesten der Bevölkerung in Ostberlin erfuhr. Wegen höherer Arbeitsnormen und der Lebensmittelknappheit im Ostteil Berlins war eine explosive Gemengelage entstanden. Firl, der bei der Mitropa (Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft) in Ostberlin beschäftigt war, erblickte einen Demonstrationszug in der Frankfurter Allee, „da ging det schon los“, berichtet der heute 84-Jährige, einer der wenigen noch lebenden Beteiligten am Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

„Weg mit der HO“, war eine Parole (HO stand für Handelsorganisation, staatlich geführte Einzelhandelsunternehmen), „Weg mit der Volkspolizei“ oder „Der Spitzbart muss weg“ (das bezog sich auf den SED-Generalsekretär und Bartträger Walter Ulbricht) waren weitere Parolen in dem Protestzug in der Frankfurter Allee. Ein Demonstrant ­forderte Hardy Firl auf, ein Plakat zu nehmen: „Wir fordern freie Wahlen“ stand drauf. Firl nahm es und marschierte mit.

Vopos mit Hunden

Der Protestzug wurde wenig später von der Volkspolizei eingekesselt. „Die hatten Hunde, wir hatten keine Chance zu entkommen.“ Alle Protestler wurden verhaftet und zu einem ehemaligen Schlachthof im Bezirk Lichtenberg gebracht. „Absteigen, auf die Erde hinlegen auf dünnes Stroh“, sind weitere Erinnerungen von Hardy Firl.

Nun war nicht mehr die Volkspolizei, sondern die Stasi (Staatssicherheitsdienst) für die Bewachung zuständig. Firl erkannte die gefürchtete rote Kokarde, das Erkennungszeichen der Stasi-Offiziere. Der Ton war eindeutig: „An die Wand stellen, Beine breit, Arme hoch, Gesicht zur Wand!“ Firl erinnert sich: „Hinter uns standen drei Mann von der Stasi mit einem Maschinengewehr auf uns gerichtet.“

Hardy Firl erhielt für seine Beteiligung am Volksaufstand drei Jahre Zuchthaus, die er in der Haftanstalt Rummelsburg in Berlin verbüßte. „Wieviel?“, lautete die Begrüßung, als Firl die Zelle betrat. „Drei Jahre“, antwortete er. „Die sitzte doch auf einer Backe ab, brauchst Dich gar nicht ins Bett legen“, gratulierten ihm die Mitgefangenen zu der vergleichsweise geringen Strafe.

Einmal versuchte Firl zu fliehen, täuschte Bauchschmerzen vor, um in ein Gefängniskrankenhaus an der Sektorengrenze zu Westberlin verlegt zu werden. Doch die Grenze war zu gut bewacht. Firl ließ von seinem gefährlichen Vorhaben ab.

Nach der Entlassung aus der Haft ging Firl in den Westen. Er wurde rehabilitiert, arbeitete bei Kaufhof. „Man musste da durch“, kommentiert der 84-Jährige seine Haftzeit in der DDR. Zu den Gedenkveranstaltungen am 17. Juni geht Firl regelmäßig. Seit fünf Jahren ist er auch Mitglied der Vereinigung 17. Juni 1953, die die Erinnerung an den Volksaufstand und seine Opfer aufrecht erhält.

Zum 60. Jahrestag des Volksaufstands 2013 war er zum Empfang bei Bundespräsident Joachim Gauck geladen. Die Geschichte des Volksaufstandes gerät allmählich in Vergessenheit, wie er in der eigenen Familie erfährt. Seine Enkel sind an der ­Geschichte des Großvaters nicht allzu sehr interessiert. „Für die junge Generation ist das Schnee von gestern“, sagt Firl.

Ungarisches Beispiel

Die Vereinigung 17. Juni 1953, 1953 als Komitee 17. Juni gegründet, will aber nicht aufgeben. Vorsitzender ist Carl-Wolfgang Holzapfel (72), der als Aktivist gegen den Mauerbau bekannt wurde. Nach einer Demonstration 1965 am Checkpoint Charlie wurde Holzapfel von DDR-Grenztruppen verhaftet. Er wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach neun Monaten Einzelhaft wurde Holzapfel in die berüchtigte Justizvollzugsanstalt Bautzen verlegt, Ende Oktober 1966 aber durch die Bundes­republik Deutschland freigekauft.

Holzapfel zum Gedenktag 17. Juni: „Toll wäre es, wenn wir auch hier dem Beispiel der Ungarn folgen würden. Arpad Göncz war Beteiligter am Aufstand, hat dafür in politischer Haft eingesessen und wurde im freien Ungarn Staatspräsident. Wir wählen im nächsten Jahr einen neuen Bundespräsidenten. Hier wäre 26 Jahre nach dem Ende der Teilung eine Persönlichkeit gefragt, die auch Opfer der zweiten Diktatur gewesen ist. Einen 17er werden Sie für dieses Amt aus Altersgründen nicht mehr finden, obwohl dies ein tolles Signal nach innen und außen gewesen wäre.“


Einen Film über Hardy Firl finden Sie unter: http://bit.ly/1Q52eeF
Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

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