• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Coronavirus: Nur noch mit Maske auf die Straße

01.02.2020

Peking /Wuhan „Ich habe keine Angst. Wir desinfizieren viel und tragen Mundschutz“, sagt tapfer der Chef des Nudelsuppenladens „Lao Zhang“, übersetzt „Zum alten Zhang“– eines der wenigen Restaurants, die in Peking noch geöffnet haben. Trotzdem schlürft am Mittag nur ein einsamer Gast seine Nudelsuppe in dem Laden, der Platz für 30 bis 40 Leute bietet. „Lässt sich nicht ändern“, sagt der Chef, er reicht Desinfektionstücher. Drei Vertreter der Verwaltung der Einkaufsplaza kommen rein, blicken ernst über ihre Atemmasken hinweg. Sie halten ihm das Fiebermessgerät an die Stirn. „Zweimal am Tag geht das so“, erzählt er. Seine Temperatur ist normal.

Die meisten Restaurants sowie die Boutiquen, Friseurläden und Nagelstudios in dem trendigen Einkaufszentrum haben geschlossen – so wie viele andere Läden in der Hauptstadt. Kaum jemand traut sich vor die Tür. Pekings Straßen sind wie leergefegt. Dabei ist die Stadt tausend Kilometer vom Ursprungsort der Epidemie in Wuhan entfernt. Auch zählt Peking nur rund 120 Patienten, aber das Coronavirus hat sich inzwischen in alle Metropolen, Provinzen und Regionen ausgebreitet – und mit ihm die Furcht vor Ansteckung.

„Jeder kriegt doch Panik, wenn er sich den gegenwärtigen Trend der Infektionen ansieht“, sagt der Manager einer Spirituosenkette. „Ich habe auch Angst, mich anzustecken“, räumt der 50-Jährige ein. Er kämpft ohnehin mit einer „gewöhnlichen Erkältung“, wie er versichert. „Ich bin krank, nehme Vitamin C zu mir, trinke Anti-Virus-Saft.“

Jeden Tag wird der nächste Rekordanstieg der Patienten und Todesfälle verkündet. Von Donnerstag auf Freitag kamen fast 2000 Infektionen hinzu. Mehr als 200 Tote sind schon zu beklagen. Mit rund 10 000 Infektionen sind es mehr als bei der schweren Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Damals starben 774 Menschen. Die Parallelen sind auffallend: Wie damals stammt das Virus von Wildtieren: Es ist eine Variante des Sars-Virus. Und wie damals wird das Land mit radikalen Mitteln praktisch zum Stillstand gebracht, um eine Ausbreitung zu verhindern.

In der hart betroffenen Provinz Hubei wurden 45 Millionen Menschen abgeschottet – das entspricht mehr als der Hälfte der Bevölkerung von Deutschland. Alle Verkehrsverbindungen sind in der Region gekappt. Landesweit werden Überlandbusse gestoppt, Züge und Flüge reduziert. Auf dem Lande errichten lokale Stellen Straßensperren, um Besucher von auswärts abzuhalten. Die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest wurden einfach verlängert: Schulen, Universitäten und Kindergärten bleiben geschlossen, Fabriken stehen still, und Büros sind verriegelt.

So ähnlich wurde das Riesenreich auch in der Sars-Krise 2003 lahmgelegt, was maßgeblich dazu beigetragen hat, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Darauf hoffen jetzt alle wieder.

Ein Finanzexperte, der ebenfalls nicht genannt werden will, setzt auch auf wärmere Temperaturen. „Wenn das Wetter besser wird und alle Maßnahmen ergriffen worden sind, wird diese Krise gelöst“, gibt sich der 39-Jährige zuversichtlich, räumt aber ein: „Ich war anfangs ziemlich geschockt.“ Er nimmt jetzt immer eine Plastiktüte, um den Knopf im Aufzug zu drücken. Auch wäscht er seine Hände häufig oder nimmt sogar ein Bad, wenn er länger vor der Tür war. U-Bahnen und Busse meidet er, fährt lieber mit dem Auto.

„Ich habe Angst“, sagt auch die 24-jährige Zhang Bonan, Absolventin der Kunstakademie in Xi’an. „Wenn ich nur eine gewöhnliche Erkältung oder Fieber habe und zum Arzt in eine Klinik gehe, könnte ich mich infizieren.“

Zunehmend wird in China auch diskutiert, ob es vielleicht zu der derzeitigen Eskalation gar nicht erst hätte kommen müssen. Chinas höchstes Gericht kritisiert die Polizei von Wuhan, die Ende Dezember ausgerechnet gegen einen Arzt und Mitglieder einer medizinischen Diskussionsgruppe vorgegangen war. Sie sollen angeblich „Gerüchte“ im Internet über einen neuen Ausbruch von Sars von dem Markt mit wilden Tieren in Wuhan verbreitet haben, der später als Ursprungsort bestätigt wurde.

„Wenn die Öffentlichkeit den ,Gerüchten‘ damals geglaubt und aus Angst vor Sars angefangen hätte, Masken zu tragen, streng zu desinfizieren und den Wildtiermarkt zu vermeiden“, lässt ein hoher Richter wissen, dann wäre die Epidemie heute leichter in den Griff zu bekommen. Doch die acht Teilnehmer der Gruppe wurden vielmehr von der Polizei vorgeladen, verwarnt und mussten unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen.

Das Vorgehen erinnert an die anfängliche Vertuschung von Sars. Aber es gibt auch noch eine Lehre, die nicht aus der Krise damals gezogen wurde: Trotz der Pandemie florierte in China auch 17 Jahre später weiter der Handel mit Wildtieren zum Verzehr – selbst mit Fledermäusen, die als Wirt von Coronaviren bekannt sind. Auch die Schleichkatzen, die das Sars-Virus damals in exotische Restaurants getragen haben sollen, gab es noch zu kaufen. Erst vergangene Woche wurde der Handel mit Wildtieren verboten.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.