Haltern - Vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern herrscht Stille. Außer dem Zwitschern der Vögel ist nichts zu hören. Selbst das natürliche Geräusch wirkt fremd am Tag nach dem Flugzeug-Unglück in Südfrankreich, bei dem 16 Schüler und zwei Lehrerinnen der Schule ums Leben gekommen sind. Ein Meer aus Kerzen und Blumen auf der Schulhoftreppe drückt das Entsetzen aus, das in der ganzen Stadt zu spüren ist.
Die Trauer in der 37000-Einwohner-Stadt ist fast greifbar. Wie der Nebelschleier, der am Mittwoch über der Stadt liegt, hüllt sie Haltern ein. Beim Frühstück in einem Café neben der Kirche, in der am Dienstagabend ein ökumenischer Gottesdienst stattgefunden hat, kommen einer Seniorin die Tränen. Einer Radfahrerin laufen plötzlich die Tränen über das Gesicht, als sie durch die Stadt fährt.
In Haltern am See steht seit Dienstagmittag die Welt still. Bis zuletzt hatten Angehörige und Freunde der Opfer für ein positives Ende gebetet. Doch gegen 14 Uhr wurden auch die letzten Hoffnungen zunichte gemacht. Dann stand fest, dass die 16 Schüler aus dem zehnten Jahrgang des Joseph-König-Gymnasiums sowie ihre beiden Lehrerinnen an Bord der Unglücksmaschine waren. Mit dem Flug 9525 auf dem Rückweg eines Schüleraustauschs nach Barcelona, der in den französischen Alpen ein jähes Ende nahm – und damit auch die Lebenswege der jungen Halterner Reisegruppe beendete. Eine der Lehrerinnen hatte vor Kurzem geheiratet, die andere wollte bald vor den Traualtar treten. „Was als fröhliche Sache geplant war, endete als Tragödie“, sagt Schulleiter Ulrich Wessel am Mittwoch. „An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es war.“
Weil sich viel mehr Schüler auf den Austausch beworben hatten, als es Plätze gab, sollen diese verlost worden sein, heißt es von einer Sprecherin der Bezirksregierung. Sie berief sich dabei auf den Schulleiter. Insgesamt 40 Schüler hatten demnach Interesse an der achttägigen Reise.
Ein 14-jähriges Mädchen von einer Nachbarschule ist am Vormittag mit ihren Freundinnen zum Joseph-König-Gymnasium gekommen. Nur mit Mühe kann sie die Tränen zurückhalten, als sie erzählt, dass eine ihrer Freundinnen an Bord war. „Es ist schwer zu verkraften. Dass hier wieder normaler Schulalltag einkehrt, kann ich mir nicht vorstellen.“
Bis es soweit ist, wird es zumindest noch dauern. Zunächst sei es wichtig, dass die Schüler und Lehrer Zeit zum Trauern bekommen und dabei nicht allein sind, sagt Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen), Nordrhein-Westfalens stellvertretende Ministerpräsidentin und Schulministerin, am Mittwoch in Haltern. „Wir können ihnen den Schmerz nicht nehmen, wir können ihn nur teilen.“
In ihren Klassen versuchten die Schüler einen Tag nach der Katastrophe, gemeinsam das Unbegreifbare zu begreifen. Nach dem Trauergottesdienst am Vorabend fand um elf Uhr eine Trauerbegegnung mit allen Schülern und Lehrern statt. Seit Dienstag ist ein 50-köpfiges Krisenteam mit Psychologen und Seelsorgern vor Ort, das auch den Angehörigen zur Seite steht. „Die Tragödie ist im Kopf angekommen. Bis ich das aber richtig verstanden habe, wird es noch dauern“, sagt Wessel. Dann versagt ihm die Stimme.
Entsetzt sind auch Einheimische, die keines der Opfer kannten. „Das ist ein ganz schöner Schock, es geht einem nahe“, sagt ein Rentner. Dann schießen ihm Tränen in die Augen. Während viele Einwohner gar nicht über das Unglück sprechen wollen, machen andere ihr Mitgefühl öffentlich. In einem Schaufenster in der Innenstadt hängt ein Plakat mit einer Beileidsbekundung. Auf den Straßen nehmen sich die Menschen in die Arme, trösten sich. „Man rückt in einer Stadt wie dieser enger zusammen“, sagt Halterns Bürgermeister Bodo Klimpel.
Nicht nur in den sozialen Netzwerken drücken Tausende Menschen aus der ganzen Welt ihr Mitgefühl mit den Angehörigen aus. In Llinars del Vallès trauerten die Freunde der deutschen Austausschüler. Der Lehrer, der den Austausch mitkoordiniert, hat sich ebenfalls bereits gemeldet. Für Donnerstag hat Löhrmann in ganz NRW eine Schweigeminute angekündigt. Um 10.53 Uhr, die Uhrzeit, zu der es den letzten Funkkontakt mit Flug 9252 gab, wird es für eine Minute ganz still sein.
