Wien - Es sei nicht der Moment von „Triumph oder Zorn“. Österreichs oberster Katholik, Kardinal Christoph Schönborn, mahnte zur Mäßigung. Und auch Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) plädierte für einen kühlen Kopf: „Ich möchte betonen, dass dieses Urteil kein Anlass zu Emotionen sein soll.“

Solche Aufrufe machten erst recht deutlich, dass die Österreicher wenige Tage nach dem schmachvollen Ausscheiden bei der Fußball-EM plötzlich ein ganz anderes Thema haben. Sie müssen im Herbst im zweiten Anlauf einen neuen Bundespräsidenten wählen. Der Grund: Schlendrian in vielen Wahlbehörden – und deshalb nun die Rote Karte vom Verfassungsgerichtshof (VfGH). Um 12.02 Uhr schrieb VfGH-Präsident Gerhart Holzinger Geschichte, als er das Urteil der Top-Juristen für alle klar und deutlich formulierte: „Unjuristisch ausgedrückt bedeutet das, die Stichwahl muss in ganz Österreich zur Gänze wiederholt werden.“

Nach der Anhörung von 67 Zeugen aus den Wahlbezirken blieb dem Gericht am Ende fast nichts anderes als die Annullierung des Sieges des Grünen-nahen Alexander Van der Bellen. Zu vielfältig und verbreitet war der recht laxe Umgang mit den letztlich entscheidenden Briefwahlstimmen, die zu früh geöffnet oder von den falschen Leuten gezählt worden waren.

Der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer hatte in der Stichwahl am 22. Mai mit 49,7 Prozent ein Sensationsergebnis eingefahren. Er lag nur um rund 31 000 Stimmen hinter dem Sieger. Nun zeigte sich Hofer erleichtert: „Ich bin froh, dass der Verfassungsgerichtshof eine sehr schwierige Entscheidung objektiv getroffen hat“, sagte der 45-jährige gelernte Flugtechniker.

Die FPÖ-Strategie ist mit dem Urteil aufgegangen. Es lag nahe, dass die Partei – durchaus erfahren in der Anfechtung von Wahlergebnissen – alle Register ziehen würde, um vielleicht doch noch zum Zug zu kommen. Einer ihrer Anwälte betonte ausdrücklich vor Gericht, dass die Anfechtung in kürzester Zeit entstanden sei und nicht Ausdruck eines langfristigen Master-Plans war.

Aber eine Kritik am Vorgehen der FPÖ ist aus Sicht der Staats- und Regierungsspitze ab sofort ohnehin nicht angebracht. Noch-Bundespräsident Heinz Fischer (SPÖ) äußerte sich fast erleichtert über den Richterspruch. Er werde „positiv in die Geschichte des Landes eingehen“. Die Fehler seien souverän bereinigt worden. Ob die Alpenrepublik allerdings wirklich stolz darauf sein darf, nun auch um Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) zu bitten, steht auf einem anderen Blatt.

Die Folgen für Österreich sind noch nicht überschaubar. Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ befürchtet in einer ersten Analyse, dass der Riss, der seit der ersten Stichwahl quer durchs Land gehe, noch tiefer werde. „Ein Sieg für die Demokratie sieht anders aus“, schreibt das Blatt.

Die Wahlchancen im Herbst sind aktuell kaum seriös zu beantworten. Das heißeste Eisen dürfte erneut der Umgang mit der Flüchtlingskrise werden. Im Herbst könnte die Zahl der Asylberechtigten so hoch sein, dass Österreich den „Notstand“ ausruft. Zündstoff für viele TV-Duelle wäre garantiert.

Eine Auswirkung dürfte die Neuauflage der Präsidentenwahl aber auf jeden Fall haben. „Die rot-schwarze Koalition ist nun zur Stabilität verdammt“, meinte der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier mit Blick auf die nächsten Monate. Denn öffentlicher Streit helfe nur der FPÖ und Hofer – und zumindest der Kanzler hatte sich schon vor dem 22. Mai öffentlich für Van der Bellen ausgesprochen.

Dieser gibt sich auch für die Wiederholung als siegessicher. „Wenn ich es einmal geschafft habe, kann ich es auch ein zweites Mal schaffen“, sagte der 72-jährige Wirtschaftsprofessor. „Wir werden in den kommenden Monaten wieder eine breite Bürgerbewegung auf die Beine stellen“, sagte Van der Bellen. „Das ist kein Spiel. Mir geht es um den Zusammenhalt in Österreich.“