Mainz - Eine Frau liegt in der Mainzer Innenstadt auf dem Boden, eine Straßenbahn hat ihr das Bein abgetrennt. Schaulustige strömen herbei, zücken ihre Smartphones und halten ungeniert drauf. „Die Menschen mussten richtig zur Seite gedrängt werden, weil sie die Rettungskräfte behindert haben“, beschreibt Achim Hansen vom Polizeipräsidium Mainz das Geschehen. „Die Frau war schneller auf Youtube als auf dem OP-Tisch.“
Tücher zum Schutz
Solche Szenen voller Rücksichtslosigkeit bereiten derzeit Polizisten, Notärzten und Feuerwehrleuten in ganz Deutschland Kopfzerbrechen. „Es gibt ein neues Denken. Die Menschen schauen nicht nur für ihre eigene Neugier, sondern sie nehmen Fotos und Videos auf, um zum Geschichtenerzähler zu werden – auf Kosten der Opfer“, sagt Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Dabei gehe es bei schweren Verkehrsunfällen oft um Leben und Tod.
Einige Polizisten haben inzwischen keine Lust mehr, die Bevölkerung nur immer wieder sanft zu ermahnen. Sie stellen sie bei Facebook und Twitter an den Pranger. „Schämt Euch, Ihr Gaffer“, schreibt etwa die Polizei Hagen (siehe Infokasten) nach einem Unfall, als ein kleines Mädchen angefahren wurde. „Polizisten in der Absperrung habt ihr gefragt, ob sie mal an die Seite gehen können, damit ihr besser filmen könnt. Unfassbar!“ Die Schaulustigen hätten sogar über die Tücher geschaut, welche die Feuerwehr zum Schutz des Mädchens aufspannte. „Das ist der Gipfel der Skrupellosigkeit.“
„Wer Feuerwehreinsätze behindert, ist an Dummheit nicht mehr zu übertreffen“, schreibt Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, auf seiner Facebook-Seite. Richtig wütend machen ihn Vorfälle wie im sächsischen Bautzen, als eine grölende Menge einen Feuerwehreinsatz an einem Flüchtlingsheim behinderte. Er möchte mit seinen Aussagen die Menschen bei der Ehre packen, sagt er. „Denn niemand lässt sich durch ein schärferes Gesetz davon abhalten zu gaffen.“
Er könne die Empörung nachvollziehen, sagt der Kommunikationswissenschaftler Oliver Quiring von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. „Aber das ist nicht die Sachlichkeit, die ich von der Polizei erwarte.“ Er hoffe allerdings, dass die emotionalen Nachrichten dazu führen, dass die Gaffer ihr Verhalten peinlich finden – und vielleicht unterlassen.
Als ein 85-jähriger Fahrradfahrer in Mainz starb, während zahlreiche Menschen filmten, fragte die Polizei an die Adresse der Gaffer: „Habt Ihr wirklich nichts anderes im Kopf?“ Polizeisprecher Hansen meint, mit diesem Post hätten sie allein bei Twitter 1,3 Millionen Nutzer erreicht. Die Rückmeldungen seien fast überwiegend positiv gewesen.
Mehr Personal vor Ort
In Achern in Baden-Württemberg machte jüngst ein Autofahrer nicht für einen Rettungswagen Platz. Als die Ärztin ausstieg und zu dem Fahrer ging, versuchte dieser, sie zu schlagen. Polizei und Rettungskräfte würden immer häufiger in ihrer Arbeit behindert, sagt der GdP-Vorsitzende Malchow. „Wir merken jetzt schon, dass wir mehr Personal am Unfallort brauchen, um den Bereich abzusichern, damit die Kollegen ungestört arbeiten können.“
Alex Talash ist dauernd an Unfallorten, für den Blaulichtreport Hagen verkauft er Fotos und Videos an TV-Sender und Zeitungen. „Wir warten mit der Information, bis die Angehörigen eines Unfallopfers verständigt sind.“ Andere jedoch laden innerhalb von Sekunden Videos hoch. Einmal hätten Eltern den tödlichen Unfall ihres Kindes auf Facebook gesehen, ehe die Polizei vor der Tür stand.
Ein anderes Mal war Talash zugegen, als die Polizei wegen der vielen Gaffer einen Hund einsetzen musste. Zahlreiche Schaulustige hätten in das Auto hineinfotografieren wollen, das sich überschlagen hatte. „Zufällig war ein Hundeführer am Unfallort. Der Polizeihund war nötig, um die Menschen zurückzuhalten. Worte reichten nicht aus.“
