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Er ist neuer Präsident der Oldenburgischen Landschaft
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Aktualisiert vor 12 Minuten.

Prof. Dr. Uwe Meiners
Er ist neuer Präsident der Oldenburgischen Landschaft

NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Über Prag in die Freiheit gelangt

30.09.2019

Prag Der Rasen ist gepflegt, die Strauchrabatten im Garten sind akkurat geschnitten. Vor dem barocken Palais Lobkowicz in Prag kommen an diesem Tag Anfang September nur sporadisch Passanten vorbei. Die deutsche Botschaft in Tschechien residiert in einem ruhigen Viertel mit engen Gassen unterhalb der Prager Burg. Nur eine Schulklasse aus Nordrhein-Westfalen, die von der Rückseite interessiert durch den Botschaftszaun schaut, lässt es erahnen: Dies ist ein Ort mit einer außergewöhnlichen Geschichte.

1989 Ausnahmezustand

30 Jahre zuvor herrscht hier Ausnahmezustand. DDR-Bürger klettern von hinten über den Zaun in den Garten der Botschaft der Bundesrepublik. Zu Tausenden strömen sie aus ihrem Land. Ihre verlassenen Trabants und Wartburgs parken überall in Prag. Die Massenflucht ist eine von mehreren Entwicklungen, die 1989 zum Fall der Berliner Mauer und zur Öffnung der jahrzehntelang streng gesicherten innerdeutschen Grenze führen wird.

Im Inneren des ehemaligen Adelssitzes, der seit 1974 die Vertretung der Bundesrepublik beherbergt, schlafen Menschen in Doppelstockbetten. Draußen hat das Deutsche Rote Kreuz Zelte aufgebaut, dazwischen wird wild gecampt. Das Wetter ist eher schlecht in den ersten Septembertagen 1989, der Rasen wird zur Schlammwüste.

Einer, der das hautnah erlebt hat, ist Peter-Christian Bürger. Der heute 63-Jährige verbrachte mehr als drei Monate in der Prager Botschaft. Zwei Ausreiseanträge des gelernten Kochs aus Karl-Marx-Stadt, das seit 1990 wieder Chemnitz heißt, waren abgelehnt worden. Eine geplante Flucht Anfang 1986 scheiterte am Verrat eines Freundes. Bürger kam zeitweise ins Gefängnis.

Als er Ende Mai 1989 Fernsehberichte über Landsleute in Prag sieht, versucht er es erneut. „Ich sagte mir, du musst schauen, wie du in diese Botschaft kommst“, erzählt Bürger. Bei Oberwiesenthal im Erzgebirge gelangt der 33-Jährige in der Nacht zum 21. Juni allein und ohne Papiere über die grüne Grenze in die damalige Tschechoslowakei. Das Land war wie die DDR Teil des sozialistischen Ostblocks.

Großer Ansturm

An der Pforte der Botschaft bittet Peter-Christian Bürger um Einlass. Er ist drin! Auf Asyl kann er nicht hoffen. Aber: „Unser Glück war, dass die Bundesrepublik die DDR nicht anerkannte und wir für sie als Deutsche galten.“

Bürger trifft dort auf etwa 40 DDR-Flüchtlinge. Es ist die Zeit vor dem großen Ansturm. Die ersten Ankömmlinge werden im Dachgeschoss einquartiert. Ab Mitte August wird es immer voller. Der damalige Botschafter Hermann Huber bricht seinen Urlaub in der Schweiz ab. Nun sind es Dutzende Neuankömmlinge pro Tag. Zelte und Sanitäranlagen machen den weitläufigen Garten zum Wohnraum.

Weil der Alltag Ordnung braucht, wird eine „Lagerleitung“ bestimmt, Bürger wird ihr Chef und Bindeglied zum Botschaftspersonal. Ein Bus der Botschaft holt bald täglich Essen, Sport- und Spielsachen aus dem bayerischen Furth im Wald. Auch der Schulbeginn am 1. September wird organisiert. Lehrer unter den Flüchtlingen und Ehefrauen von Botschaftsmitarbeitern geben Unterricht.

Die Stimmung bei den Geflüchteten schwankt. „Wir hatten auch Angst, dass alles schiefgeht“, erinnert sich Bürger. „Die Mitarbeiter der Botschaft haben uns auch von unüberlegten Dingen abgehalten.“ So drohen einige mit Hungerstreik, sie wollen sofort in den Westen. „Das Gute war, dass alle das gleiche Ziel verband. Wir wussten, dass wir zusammenhalten müssen. Das war das Wichtigste“, sagt Bürger.

In der zweiten Septemberhälfte steigt die Zahl der Flüchtlinge drastisch. Am 26. meldet Botschafter Huber an sein Außenministerium, dass sich rund 1600 DDR-Bürger auf dem Gelände befinden. Überall im Palais Lobkowicz stehen Betten, selbst auf den breiten Treppen schlafen bald Menschen, zum Teil in Schichten. Rund 4000 Flüchtlinge oder mehr drängen sich Ende des Monats dort.

Am Morgen des 30. September ahnt Peter-Christian Bürger nicht, dass ein historischer Abend bevorsteht. Zwar sagt man ihm, dass Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher kommen werde, doch Besuche von Regierungsvertretern waren nicht selten. Als der FDP-Politiker um 18.58 Uhr seine berühmten Worte zur Ausreise spricht, jubeln die Menschen. Sie fallen sich in die Arme, Tränen fließen.

Die Stimmung kippt kurz, als sie erfahren, dass die Züge Richtung Freiheit über DDR-Gebiet fahren sollen. „Nein, niemals“ rufen viele. Zusicherungen, dass Botschaftspersonal die Züge begleiten wird, vor allem aber Genschers Persönlichkeit beruhigen die Menge. „Das ist ein Mann von uns, er ist diesen Weg auch gegangen“, sagt Bürger heute. Heute erinnert eine Tafel auf dem Balkon an dessen historische Worte.

Richtung Westen

Sechs Züge verlassen Prag am Abend und in der Nacht Richtung Westen, Bürger sitzt im letzten. Die Fahrt geht auch durch seine Heimatstadt. Die Bahnhöfe sind menschenleer. Bürger lebt zunächst in Bayern, Südtirol und Spanien, 2009 kehrt er in seine Heimatstadt zurück.

Von der Dramatik vor 30 Jahren hat Christoph Israng als Abiturient nur aus dem Fernsehen erfahren. Seit August 2017 ist der 48-Jährige als Botschafter jetzt der Hüter des Genscher-Balkons. „Das ist eine ganz herausgehobene Stelle. Es ist wirklich ein Traum, hier arbeiten und leben zu dürfen“, sagt Israng. Die Beziehungen zum wichtigen Nachbarland liefen nicht im „Autopilot“. Sie seien gut, hätten ihr Potenzial aber noch nicht ausgeschöpft.

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