London - An dem klebrigen Lebensmittel „Marmite“ scheiden sich in Großbritannien die Geister. „Liebe oder hasse es“, lautet ein Werbespruch für die extrem würzige Hefe-Paste. Die einen können davon gar nicht genug auf ihren Toast schmieren, die anderen verabscheuen sie. Wenige Tage vor der britischen Parlamentswahl taucht nun eine neue Bezeichnung für die Premierministerin auf: „Marmite May“.
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Theresa May löse starke unterschiedliche Gefühle aus, sagte Jeniffer Hudson vom University College London. Eben wie „Marmite“. Mays Unterstützer setzen besonders viel Vertrauen und Hoffnung in die Konservative – aber wer kein Fan von ihr sei, der reagiere oft mit Wut. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, polarisiere dagegen nicht so stark, sagte die Wissenschaftlerin.
May sitzt relativ fest im Sattel. Dass sie trotzdem am 8. Juni ein neues Parlament wählen lassen will, begründet sie mit der Uneinigkeit beim geplanten Brexit: „Das Land kommt zusammen, aber Westminster tut dies nicht.“ Doch das stimmt so nicht. Denn viele Briten wollen in der Europäischen Union bleiben und die Opposition unterstützt weitgehend Mays Pläne zur EU-Scheidung. Was sind also die wahren Gründe? Mit dem Urnengang kann May gleich mehrere Ziele erreichen.
Mehrheit ausbauen
Zum einen will sie ihre knappe Regierungsmehrheit ausbauen und so mehr Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen bekommen. Eventuell falle die Scheidung von der EU dann nicht so hart aus wie angedroht, meinen Politologen. Denn derzeit treiben einige Brexit-Hardliner die Konservativen an. Zum anderen könnte May sich endlich vom Volk ein Mandat geben lassen. Schließlich hat nicht sie die letzte Wahl gewonnen, sondern David Cameron. Nach dem Brexit-Referendum ging sie aus einem unschönen Machtkampf als seine Nachfolgerin hervor.
Und wer weiß, was bei einer regulären Wahl 2020 wäre? Die Wirtschaft könnte nach dem Brexit straucheln, die Stimmung im Land gekippt sein. Bei der Wahl am 8. Juni haben Mays Tories eine gute Chance, sich die Macht bis zum Jahr 2022 zu sichern.
Ein größeres Risiko bleibt: Großbritannien hat ein reines Mehrheitswahlrecht. Nur wer in einem der 650 Wahlkreise mehr Stimmen auf sich vereint als jeder der Mitbewerber erhält einen Sitz im Parlament. „Selbst ein erheblicher Vorsprung in den Umfragen bedeutet nicht unbedingt eine große Mehrheit im Unterhaus“, warnte John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow. Dennoch war May siegesgewiss, als sie im April die Neuwahl ankündigte. Die Konservativen lagen damals in Umfragen zeitweise über 20 Prozentpunkte vor Labour.
Andere Parteien
Die Wahl schien schon entschieden. Doch es kam ganz anders. Die Parteien näherten sich in den Umfragen immer mehr einander an – bis auf fünf Prozentpunkte. Was war passiert?
Der Alt-Linke Corbyn, der als geradlinig und ehrliche Haut gilt, konnte mit seinen Wahlversprechen an Boden gewinnen: höhere Steuern für die Reichen, das marode Gesundheitssystem auf Vordermann bringen, Energieunternehmen verstaatlichen, mehr Sozialwohnungen – Labour stieg in der Wählergunst. Das Gegenteil war bei May der Fall; die Konservativen rauschten nach unten. Auslöser waren auch ein Streit um Pflegekosten und weitere geplante Einschnitte bei Rentnern.
Corbyn hat in seiner Partei aber nicht nur Fans. Ganz im Gegenteil. Viele halten ihm vor, dass er sich als Parteichef kaum gegen den geplanten Brexit zur Wehr gesetzt hat. Traditionelle Wähler, so ergaben Umfragen, wissen oft nicht mehr, wofür Labour eigentlich steht. Und das Amt eines Premiers trauen viele Corbyn einfach nicht zu. Das alles kann am 8. Juni dann doch viele Stimmen kosten.
Andere Parteien spielen keine große Rolle im Wahlkampf. Der rechtspopulistischen und europafeindlichen Ukip-Partei droht sogar der Kollaps: Viele ihrer Wähler fühlen sich inzwischen mit Blick auf die Trennung von der EU bei den Konservativen gut aufgehoben. Die Voraussetzungen für May, die mantrahaft ihre Botschaften wie „Brexit bleibt Brexit“ wiederholt und die Zahl der EU-Ausländer im Land drastisch drücken will, sind also doch gar nicht schlecht. Politikwissenschaftler Curtice glaubt: „Die Konservativen werden wohl gewinnen.“ Aber: Das Rennen könnte eng werden.
Richtig warm werden viele Briten nicht mit May. Die Konservative, die ein Faible für auffällige Schuhe hat, wirkt kühl und distanziert.
