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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

GLADBECK: Presse steht nach Kumpanei mit Tätern am Pranger

14.08.2008

ESSEN /OLDENBURG Für Sigrun Müller-Gerbes vom Deutschen Presserat war das Geiseldrama von Gladbeck der zentrale Sündenfall des deutschen Journalismus in den vergangenen Jahrzehnten. Viele Reporter ließen alle Hemmungen fallen: Sie interviewten die bewaffneten und großspurig auftrumpfenden Täter direkt neben den Geiseln, die um ihr Leben zitterten, ließen sich für Verhandlungen zwischen Polizei und Gangstern einspannen und hinderten die Polizei am Zugriff, weil sie in der Kölner Fußgängerzone viel zu dicht um den Fluchtwagen herumstanden.

Bei der bizarren „Pressekonferenz“ der Gangster an ihrem Fluchtfahrzeug in Köln forderte ein Fotograf Dieter Degowski sogar auf, der später getöteten Silke Bischoff die Waffe noch einmal an den Kopf zu halten – er hatte das Bild verpasst. In unverständlicher Kumpanei wiesen Journalisten die Gangster darauf hin, dass in einer Nebenstraße ein Notarztwagen vorgefahren war – damit war ein Polizeizugriff verraten. Als die Entführer dann schnell aus Köln heraus wollten, stieg ein Kölner Boulevardreporter mit ins Auto und wies ihnen den Weg aus der Stadt. Er habe in diesem Moment wie in Trance gehandelt, erklärte er später.

Zu den Verfolgern, die damals in der Region Weser-Ems zwischen dem Bus mit den Gangstern und Geiseln und der Polizei unterwegs waren, gehörte auch der Oldenburger dpa-Korrespondent Manfred Protze. In einem Taxi ist er den Gangstern so nah im Nacken, dass sie den Bus anhalten lassen und auf das Taxi schießen. Damals gefährdete Protze nicht nur sich und den Taxifahrer, sondern auch das Leben der Geiseln. Heute – inzwischen im beruflichen Ruhestand – wacht er ausgerechnet als Sprecher des Deutschen Presserats über Ethik und Moral im Journalismus.

Die heftige Debatte nach dem blutigen Ende des Dramas sorgte auch für Veränderungen in der Presse. Seit Gladbeck werden Medien, deren Reporter Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens machen, vom Presserat offiziell gerügt. In den Redaktionen gab es „ernsthafte

Reflexionen“, weiß Müller-Gerbes. „Die jetzige Journalisten-Generation hat Gladbeck im Hinterkopf.“ Für den journalistischen Nachwuchs, der mit deutlich mehr Konkurrenzdruck aufwächst, gilt das nach Müller-Gerbes’ Einschätzung aber nicht automatisch. Ob Entgleisungen der Presse wie in Gladbeck dauerhaft zu verhindern sind – dazu will Journalismus-Professor Kurt Weichler (Gelsenkirchen) keine Prognose abgeben. „Es gibt jetzt viel mehr Medien als vor 20 Jahren, und zu den Profis gesellen sich Amateure, die mit der Handykamera das Bild ihres Lebens schießen wollen“, gibt er zu bedenken.

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