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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Rätselhafte „Friedhofsschändung“

04.04.2015

Czieschowa Es gibt keinen Wegweiser und kein Straßenschild. Doch im kleinen oberschlesischen Ort Czieschowa (heute Cieszowa) weiß man Bescheid: „Ein Kilometer ist es nur durch die Felder, dann sehen Sie schon das Tor“, sagt die freundliche Frau, die eben aus der Dorfkirche kommt. „Aber fahren Sie vorsichtig!“ Ein guter Rat. Der Weg ist nicht gepflastert und mit tiefen Schlaglöchern übersät. Doch dann liegt er tatsächlich in der Wintersonne, auf einer kleinen Anhöhe, umrahmt von Feldern und dichten Wäldern – der jüdische Friedhof von Czieschowa, dessen schiere Existenz ein echtes Wunder ist.

Schon seit 100 Jahren wird er nicht mehr genutzt. 2008 ging ein Orkan über den halben Hektar Land hinweg und richtete schwere Schäden an. So sind viele Grabsteine umgestürzt und entwurzelte Bäume liegen noch immer auf einem Teil des Geländes. Doch er ist da. Mehr als 90 auf Deutsch und Hebräisch beschriftete Grabsteine sind zu sehen, viele weitere dürften noch im Boden liegen. Der Friedhof hat die Nazi-Herrschaft fast unversehrt überdauert und gilt heute als eines der wichtigsten Denkmale jüdischen Lebens in Oberschlesien.

Geschichtspolitik

800 Kilometer westlich ist der zwischen Tschenstochau und Gleiwitz gelegene Friedhof inzwischen zum Politikum geworden. Zu einem Stück Geschichtspolitik. Es geht um die Frage, ob der erste niedersächsische Ministerpräsident, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), während des Zweiten Weltkrieges ein Friedhofsschänder war, der skrupellos aus Gewinnsucht die Grabsteine jüdischer Toter verkauft hat. Das jedenfalls behauptet die Göttinger Historikerin Teresa Nentwig in ihrem Buch „Hinrich Wilhelm Kopf – Ein konservativer Sozialdemokrat“.

Ihr 941-Seiten-Wälzer zeigte sich wirkungsmächtig: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) machte sich die Geschichte der Friedhofsschändung in der Öffentlichkeit zu eigen, und der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz, der Platz vor dem Landtag in Hannover, wurde wegen der NS-Verstrickungen Kopfs am Donnerstag umbenannt.

Gegen diese Vorwürfe gibt es in Niedersachsen wütende Proteste. Insbesondere ältere Sozialdemokraten können sich nicht vorstellen, dass der verehrte SPD-Urahn in NS-Verbrechen verstrickt war. Für solche Zweifel gibt es durchaus Anlass – sie führen allerdings nicht zu einer Entlastung Kopfs, sondern zu neuen Unklarheiten, Zweideutigkeiten und Fragen nach der Interpretation historischer Ereignisse.

Den Zweiten Weltkrieg verbrachte Hinrich Wilhelm Kopf in Schlesien. Die Nazis hatten ihn schon 1933 aus seinem Amt als Landrat von Hadeln (Niederelbe) entfernt. Den Lebensunterhalt verdiente Kopf bis 1945 – wie er es später angab – als „selbstständiger Kaufmann und Landwirt“. Dazu gehörte zwischen 1939 und 1943 eine Tätigkeit als Verwalter enteigneter jüdischer und polnischer Vermögen in Schlesien. Im Jargon der Zeit hieß das „Treuhänder“, und zu eben diesem Vermögen zählte auch der Friedhof in Czieschowa, dessen Eigentumsverhältnisse allerdings unklar waren.

Die Aufgabe derartiger „Treuhänder“ bestand damals darin, die verwalteten Werte so schnell wie möglich für den NS-Staat zu Geld zu machen. Das galt auch für den jüdischen Friedhof. Wertvoll waren hier nur die Steine. Nentwig beschuldigt Kopf in ihrem Buch nun, aktiv am Verkauf dieser Steine beteiligt gewesen zu sein. Sie wirft ihm explizit vor, ein Friedhofsschänder zu sein. In der Tat hat der spätere niedersächsische Ministerpräsident in dieser Sache die Finger im Spiel gehabt. Der Beweis findet sich im Staatlichen Archiv in Katowitze, dort liegen die Dokumente zu den schlesischen Treuhandgeschäften, und dort helfen die Archivare der NWZ  gern weiter. Die Akten zeigen: Am 16. November 1942 schrieb Kopf in seiner Funktion als Verwalter des jüdischen Vermögens in Czieschowa an den Oberpräsidenten der Provinz Schlesien. Er teilte mit, er habe für die Steine von den Friedhöfen weit höhere Preise erzielen können als erwartet: „Ich habe für die Steine in Königshütte und Czieschowa zusammen 5500 Reichsmark (RM) zuzüglich 500 RM Verwaltungskostenbeitrag = 6000 RM erhalten.“

Und in der Tat – den jüdischen Friedhof in Königshütte gibt es heute nicht mehr. In Czieschowa aber existiert er noch. In einer Dokumentation schreiben polnische Historiker: „Im Zweiten Weltkrieg entging der jüdische Friedhof von Czieschowa der Zerstörung und überdauerte im Zustand fast völliger Unversehrtheit bis in die heutige Zeit.“ Das große Rätsel ist die Frage nach dem „Warum?“.

Theresa Nentwig drückt sich in ihrem Buch um diese Frage. Sie selbst war nie in Czieschowa, beruft sich auf einen Gewährsmann, der allerdings ebenfalls von „sehr vielen alten Grabsteinen“ spricht. Hier hätte der Historikerin auffallen müssen, dass es eine wichtige offene Frage gibt, die entscheidend für die Beurteilung Kopfs sein kann.

Verzögerungstaktik

Ist es zum Beispiel möglich, dass Kopf – trotz seiner Verstrickungen in das NS-System – die Zerstörung des Friedhofs verhinderte, indem er passiven Widerstand leistete? Dass ihm solches aber im Fall Königshütte nicht gelang? Darauf deutet ein Vorgang hin, den Nentwig selbst in ihrem Buch darlegt. Im Oktober 1941 hatte Kopf die Verwaltung des Friedhofs in Czieschowa übernommen. Im Februar 1942 forderten ihn seine Vorgesetzten zu einem Bericht auf – und Kopf tat acht weitere Monate lang nichts in der Sache. Im Oktober 1942 fragte die Zentrale erneut nach und drohte gar mit Kopfs Ablösung. Erst dann begann er, im geforderten Sinne zu handeln. Trotzdem wurde der Friedhof nicht zerstört, und Kopf blieb bis mindestens Mai 1944 dessen Verwalter.

Dass diese Interpretation durchaus zulässig ist, zeigt eine weitere Episode aus Kopfs Leben. Während des Pogroms im November 1938 gewährte er in Berlin verfolgten Juden in seinem Büro Schutz. Ebenfalls noch in Berlin half er in dieser Zeit enteigneten jüdischen Deutschen, die sich später in größter Dankbarkeit an ihn erinnerten.

Ziel ist Denkmalsturz

Nentwig verschweigt dies in ihrem Buch nicht, spielt aber Kopfs Handeln trotz der überklaren Quellenlage systematisch herunter. Und genau hier liegt das Hauptproblem bei der Beurteilung des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten: Nentwig versucht, ein Denkmal zu stürzen. Dabei kommt die gerechte historische Bewertung unter die Räder. Das geht bis zu regelrechten handwerklichen Unsauberkeiten. So schreibt sie etwa im Kontext der Kopfeschen Friedhofsverwaltung: „Allgemein gilt, dass geraubte jüdische Grabsteine damals vielfach für den Straßenbau missbraucht wurden.“ Sie unterstellt damit implizit, Kopf habe die Steine aus Czieschowa für den Straßenbau verkauft – eine Aussage die sich auch Ministerpräsident Weil öffentlich zu eigen machte, für die es aber keinerlei Beweise gibt.

In Schlesien freuen sich die Lokalhistoriker unterdessen, dass der Friedhof in Czieschowa überlebt hat. Man fragt sich heute nur, wo man das Geld für die Beseitigung der Sturmschäden herbekommen kann. Für die Diskussion im 800 Kilometer entfernten Niedersachsen ist das Fleckchen Erde hingegen Mahnung, dass historische Bewertungen niemals so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Die Wahrheit ist in dieser Sache ambivalent: Ja – Hinrich Wilhelm Kopf hat sich in der NS-Zeit die Hände beschmutzt. Aber auch: Ja – Hinrich Wilhelm Kopf hat sich dem Regime verweigert und sogar aktiv seiner Politik zuwider gehandelt. Für historische Schwarz-Weiß-Denker sind derartige Erkenntnisse allerdings nur schwer zu ertragen.

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