Damaskus/Bagdad - Der Bürgerkrieg tobte schon seit vielen Monaten, als die Menschen im Norden Syriens die unheimlichen Fremden bemerkten. „An den Checkpoints waren schwer bewaffnete Bärtige, die kein Wort Arabisch konnten“, erinnert sich Ibrahim, der inzwischen im Ausland studiert. Im Kampf gegen das Regime von Baschar al-Assad mischten sich immer mehr ausländische Kämpfer unter die Rebellen. Viele kamen aus Tschetschenien und hatten sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen – die damals mit dem Zusatz „im Irak und in Syrien“ auftrat.
In jener Zeit im Sommer 2013 erhielten auch Menschenrechtsbeobachter vermehrt Berichte über Gräueltaten, Morde und Massaker, die von dieser einen Gruppe ausgingen. Seit wenigen Monaten schockiert der IS die ganze Welt. In der Region aber sind die sunnitischen Extremisten schon seit zehn Jahren aktiv, doch in einer anderen Rolle. Erst im syrischen Bürgerkrieg sollten sie immer stärker und schließlich mächtig genug werden, um es – in diesem Sommer – auch mit der Armee des Nachbarlandes aufzunehmen: der irakischen.
Wurzeln bei Al-Kaida
Die Organisation ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor, der nach dem Sturz von Herrscher Saddam Hussein 2003 im Irak gegen die US-Armee kämpfte. Die Gruppe nannte sich „Tauhid wa Dschihad“ – „Einheit und Glaubenskampf“ – und wurde vom Al-Kaida-Mann Abu Musab al-Sarkawi befehligt. Die Extremistengruppe nahm zwar in erster Linie US-Soldaten ins Visier, aber auch Christen und vor allem Schiiten. Der Sunnit Saddam Hussein war damals durch eine von Schiiten dominierte Regierung ersetzt worden. Sunnitische Iraker gerieten politisch mehr und mehr ins Abseits. Diesen Konflikt zu verschärfen, war das erklärte Ziel Al-Sarkawis. 2006 wurde der Terrorchef bei einem US-Luftangriff getötet.
Im selben Jahr gaben sich die Extremisten den Namen „Islamischer Staat im Irak“ und Anfang 2013 „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS). Die Organisation begann unter dem neuen Anführer Abu Bakr al-Bagdadi im syrischen Bürgerkrieg mitzumischen und legte sich mit anderen radikal-islamischen Gruppen an. Das führte dazu, dass selbst der Anführer der Al-Kaida, Eiman al-Sawahiri, seine Anhänger aufrief, sich von dem IS zu distanzieren.
Syrien wurde zum Reiseziel radikaler Islamisten aus aller Welt, die vom Dschihad träumten. Während Al-Kaida ihre Kämpfer vergleichsweise sorgfältig auswählte, war der IS für alle offen und wuchs zur stärksten Rebellenkraft heran. Die Miliz setzte sich in der nordöstlichen Provinz Rakka fest und begann von dort aus ihren Eroberungsfeldzug.
Anfang 2014 nahm sie Gebiete in der westirakischen Provinz Anbar ein. Im Juni rückten IS-Einheiten im Nordirak vor, eroberten die Millionenstadt Mossul und drangen schnell in Richtung Bagdad vor. Das schlecht organisierte und überforderte irakische Militär floh vor den gut gerüsteten Angreifern. In den eroberten Gebieten rief IS im Irak und in Syrien ein „Kalifat“ aus – die bisherigen Landesgrenzen existierten für sie nicht mehr. Ihren Namen änderte die Organisation erneut und nannte sich fortan „Islamischer Staat“ (IS).
Eigener Staat aufgebaut
Aus der Terrorgruppe war ein Machtapparat und ein „dschihadistisches Staatsbildungsprojekt“ geworden, wie es der Leiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, nannte. Die Dschihadisten bauten in ihrem Herrschaftsbereich einen Staat mit eigenen Ministerien auf, begannen Steuern einzuziehen. Sie sorgten für Rechtsprechung nach der Scharia und verteilten Sozialhilfen.
Mit der Ausrufung Abu Bakr al-Bagdadis zum Kalifen machte der IS seinen Herrschaftsanspruch über alle Muslime deutlich. Die meisten wehren sich gegen eine solche Vereinnahmung. Im „Kalifat“ werden Andersgläubige getötet oder versklavt.
In Propagandazeitschriften, Videos und in Internetplattformen schaffte es der IS, sich geschickt zu inszenieren: ausländische Journalisten, Schiiten, Jesiden, Christen oder auch Sunniten, die sich nicht unterordnen, werden gekreuzigt oder enthauptet. Im Sommer brachte der IS erstmals das englischsprachige Magazin „Dabiq“ heraus: Leicht lesbare Texte, großformatige Bilder, die – digital bearbeitet – IS-Kämpfer zeigen, die durch Feuerwalzen gehen. „Dabiq“ ist der Name eines Ortes in Syrien bei Aleppo, wo islamischen Überlieferungen zufolge Muslime und die Römer zu einer großen Schlacht aufeinandertreffen werden.
Militärisch ist der Islamische Staat inzwischen eine ernstzunehmende Macht: Seine Truppen verfügen laut Medienberichten neben klassischen Infanteriewaffen über 3000 Truppentransporter, rund 50 schwere Kampfpanzer russischer und amerikanischer Bauart und rund 150 gepanzerte Fahrzeuge. Dazu kommen schwere Artillerie, Granatwerfer und Raketen bis hin zum Scud. Etwa 12 000 ausländische Kämpfer sollen die Reihen der syrischen und irakischen IS-Truppen verstärken. Die Gruppe dürfte somit insgesamt auf mehr als 50 000 Kämpfer kommen.
Nach Angaben des Buchautors Behnam Said stammten die ersten Waffen teilweise noch aus Beständen der Armee Saddam Husseins. „Bald kamen erbeutete und angekaufte Waffen vom Schwarzmarkt hinzu, und so wuchs das Arsenal beständig“, sagt Said.
Einst von reichen Golf-Arabern gefördert, sind die Dschihadisten dank Schutz- und Lösegeldern, Steuern, Zöllen, der Eroberung von Öl- und Gasfeldern, Banken sowie geraubten Kulturgütern auf Hilfe von außen nicht mehr angewiesen. Sie gelten als reichste Terrororganisation der Welt. Das Netzwerk aus Ölfeldern wurde durch die Luftschläge der internationalen Anti-Terror-Koalition zwischenzeitlich erheblich geschwächt. Diese Einnahmen betrugen vor Beginn der Angriffe nach Schätzung der Internationalen Energieagentur IEA täglich ein bis drei Millionen Dollar (rund 800 000 bis 2,4 Millionen Euro).
Machtkampf tobt
Doch wie konnte eine Terrorgruppe, die Hass predigt, so einflussreich werden? Der IS agiert in einer Region, in der seit Jahrzehnten ein Machtkampf tobt: zwischen dem schiitischen Iran einerseits und andererseits den konservativ-sunnitischen Golfstaaten. In Syrien herrschte 30 Jahre lang zunächst Hafis al-Assad mit eiserner Faust, jetzt dessen Sohn Baschar. Die Familie gehört der Minderheit der Alawiten an, einer schiitisch-muslimischen Glaubensrichtung, und wird vom Iran unterstützt. Die Mehrheit der Syrer ist sunnitisch. Im Irak fühlen sich Sunniten seit dem Sturz Saddam Husseins von Schiiten systematisch diskriminiert. Für viele ist der IS das kleinere Übel.
„Dschihadisten können nur dort erfolgreich sein, wo Staaten scheitern“, sagt IS-Experte Said. Menschen in Syrien oder im Irak ertragen seinen Worten nach deshalb den IS, weil er ihnen „eine relativ stabile Herrschaft und die Bereitstellung staatlicher Leistungen, wie etwa funktionierende Gerichte, bringt“.
