REMLINGEN/WOLFENBüTTEL - Kleine Straßen schlängeln sich durch die hügelige Landschaft, Rapsfelder und grüne Wiesen leuchten in der Sonne. Doch der schöne Schein in Remlingen, zehn Kilometer südöstlich der niedersächsischen Kreisstadt Wolfenbüttel, trügt. Viele Menschen in der Region sind verärgert und verängstigt. Denn im ehemaligen Salzbergwerk Asse II, dem ältesten Atommüll-Endlager der Republik, wurde offenbar schon vor Jahren radioaktiv verseuchte Salzlauge gefunden – doch davon wusste die Bevölkerung nichts. Auch deshalb wächst die Wut.
In regelmäßigen Abständen stehen mannshohe gelbe Holzbuchstaben am Straßenrand oder in den Vorgärten. Es ist immer derselbe: A für Asse. „Aufp-Asse-n“ steht darauf. „Es ist ein erstes vorsichtiges Auflehnen“, sagt Udo Dettmann vom „Asse-II-Koordinationskreis“ in Wolfenbüttel. Jahrelang hätten Anwohner das Thema ebenso verdrängt wie die Landespolitik. Niemand habe das heikle Thema anrühren wollen, der Atommüll in der Tiefe war schließlich unsichtbar, sagt Dettmann.
In dem als Forschungsbergwerk deklarierten Endlager lagern seit Jahrzehnten mehr als 125 000 Fässer mit schwach- oder mittelradioaktivem Müll. Damals galt Asse als sicher. Der Müll lagert zum Teil seit 40 Jahren dort.
Dass sich die Stimmung gedreht hat, liegt laut Dettmann vor allen Dingen am Helmholtz Zentrum München (HZM), der Betreibergesellschaft des Bergwerks. Die GmbH im Besitz von Bund und Freistaat Bayern habe in den vergangenen Tagen mit einer beispiellosen „Salami-Taktik“ Informationen zu Grenzwertüberschreitungen immer nur scheibchenweise herausgegeben, lautet der Vorwurf. Abseits der Parteipolitik waren sich in dieser Woche alle fünf Fraktionen des niedersächsischen Landtages einig, dass das HZM in der Vergangenheit falsch über die tatsächliche Lage in Asse informiert hat. In der Bevölkerung werde Vertrauen verspielt, indem man „vertuscht und verheimlicht und die Fakten nicht richtig auf den Tisch legt“, sagte Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander am Donnerstag. Auch die Grünen sprachen von einer „katastrophalen Informationspolitik“, die Linksfraktion forderte gar Sanders Rücktritt.
Seit Jahren schon dringt in die Stollen Salzlauge ein. Langsam wächst der Ärger in den Gemeinden rund um das frühere Bergwerk. „Der Unmut über den Betreiber ist da“, sagt auch Landrat Jörg Röhmann (SPD). Erst als der Kreis nachgefragt habe, was eigentlich in dieser Lauge drin sei, habe man von der Kontaminierung erfahren. Die Kreisverwaltung sei immer davon ausgegangen, „dass man uns bei Gefahr informiert“, sagt Röhmann. Trotz des Unmuts haben die Gegner von Asse seit jeher ein Mobilisierungsproblem: Die Leute seien „sehr viel leichter gegen Windkraftwerke auf die Straßen zu kriegen als gegen Atommüll – denn Strahlung sieht man nicht“, sagt Dettmann.
Das sei allerdings nicht der einzige Grund. Die ganze Region habe viele Jahre gut vom Bergbau und von der Atommüll-Einlagerung gelebt, sagt Dettmann. Beinahe jeder habe Freunde, die für das HZM arbeiten oder gearbeitet haben; fast jeder hatte früher einen Kumpel in der Familie: „Mit dem Bergwerk zu brechen, ist für viele nicht leicht.“
Dettmann will die geplante Flutung zur Schließung des Bergwerkes mit einer Magnesium-Chlorid-Lösung verhindern. Die HZM ist überzeugt, damit den Zusammenbruch des Grubengebäudes verhindern zu können. Dettmann hingegen glaubt, dass die Flutung die Metall- und Blechcontainer, in denen der Atommüll aufbewahrt wird, in wenigen Jahren korrodieren lässt. „Das wäre das größte anzunehmende Unglück“, sagt er.
