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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Lungenkrankheit: Tag eins in der „Schutzzone“ Italien

11.03.2020

Rom Auf einem Markt in Rom, im Gassenviertel Trastevere, stehen zwei Frauen und klönen – fast wie an einem normalen Dienstag. Allerdings halten sie über einen Meter Abstand – Sicherheitsabstand wegen des Coronavirus. Sie müssen auf die Distanz lauter sprechen. Doch was soll’s? Ab heute fühlt sich ganz Italien anders an als vorher.

Denn Montagabend hat Ministerpräsident Giuseppe Conte eine extreme Maßnahme verkündet, um die Ausweitung der neuen Lungenkrankheit Covid-19 doch noch zu stoppen: Ganz Italien sei nun eine Art „Schutzzone“, sagt er.

Alle bleiben zu Hause

Der 55-jährige, parteilose Jurist setzt in seiner Rede nicht mehr auf Begriffe wie abgeriegelte „Rote Zone“ oder Sperrzone. So waren die rigiden Einschränkungen der freien Bewegung im Norden Tage zuvor weithin genannt worden. Wirklich abgeriegelt waren auch diese großen Gebiete wie die Lombardei nicht gewesen. Nun sollen alle rund 60 Millionen Bürger, von Ausnahmen wie dem Weg zur Arbeit abgesehen, zu Hause bleiben. Wer mit der Bahn in einen anderen Ort will, muss – etwa wie am Bahnhof Termini in Rom – an einem Kontrollpunkt eine Selbsterklärung zu den Gründen ausfüllen.

Die Regierung fordert die Bürger zudem auf, einen Meter Sicherheitsabstand zu ihren Mitmenschen zu halten. Im Supermarkt, in der Apotheke, in der Bar. Am Dienstag hängen in vielen Läden in der Hauptstadt Zettel, um die Kunden darüber zu informieren. An einem kleinen Schinken- und Käsegeschäft im bei Touristen beliebten Viertel Trastevere ist eine von zwei Türen mit rot-weißem Plastikband gesperrt. Auf dem Zettel steht, dass maximal acht Kunden zeitgleich eintreten dürfen. Gerade sind es weniger.

Die neuen Vorschriften gelten von den Alpen bis in die Stiefelspitze, unabhängig davon, wie hoch die Infektionsraten in der eigenen Region sind. Und zunächst bis 3. April.

10 149 Kranke, 631 Tote

Je mehr Infizierte und Tote der Zivilschutz bei der allabendlichen Liveschalte im Fernsehen meldete, je eindringlicher klangen die Appelle der Politiker. Am Montag stieg die Zahl der Infizierten auf 10 149 Menschen, die Zahl der Toten auf 631.

Der Großteil der Maßnahmen, um das Virus einzudämmen, griff bisher offensichtlich nicht. In schneller Folge hatte Rom zuletzt neue Dekrete erlassen: Schulschließungen, Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den stark betroffenen Gebieten im Norden, Stopp für Kinos und Theater überall.

Am Montag dann bezeichnet Ministerpräsident Conte die Coronavirus-Epidemie als „dunkelste Stunde“ für Italien. Damit erinnert er an historische Worte des britischen Premiers Winston Churchill von 1940 während des Kampfes gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg. In seiner Ansprache am Abend, als er die „zona protetta“ ankündigt, sagt er, die Italiener seien im Kampf gegen das Virus nicht mehr gespalten in Gebiete. Zum Beispiel nicht in den reichen Norden, aus dem einige geflüchtet waren zu Verwandten weiter im Süden, wo die Lage noch entspannter war. Es gebe jetzt nur noch ein Italien.

Alle Flüge gestrichen

Auf vielen Straßen Roms, Mailands und in anderen Städten ist es an Tag eins der „Schutzzone“ noch ruhiger als an den Vortagen. Touristen, die sich sonst im Zentrum Roms drängeln, sind vereinzelt beim Fotografieren zu beobachten. In Bussen und Straßenbahnen herrscht Leere.

Auch am Flughafen Rom Fiumicino ist es eher leerer als gewöhnlich. „Die Leute hier wahren Abstand, das ist mir aufgefallen“, sagt ein Reisender. „Die Stimmung ist gedämpft, alle wissen Bescheid.“ Wenig später mehren sich die Zeichen, dass die noch drastischeren Maßnahmen von außen kommen: Ryanair und Easyjet streichen ihr komplettes Flugprogramm nach Italien, Air France stellt ab dem 14. März alle Flüge nach Italien ein. Und Österreich erschwert die Einreise aus Italien.

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