Solingen - Das Dach weggebrannt, die Fenster im Inferno zerplatzt, das Wohnhaus eine Ruine. In den Flammen starben am 29. Mai 1993 durch einen Brandanschlag in Solingen fünf Mädchen und Frauen. Das Feuer in dem Wohnhaus einer türkischen Großfamilie war 1993 der traurige Höhepunkt einer Reihe rechtsextremistischer Anschläge in Deutschland. Die Schlagzeilen gingen um die Welt. Vier junge Männer wurden später vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mordes verurteilt. Die Strafen sind verbüßt.
Am kommenden Mittwoch, 29. Mai, ist der 20. Jahrestag. Wo einst das Haus war, stehen heute fünf Kastanien für die Opfer im Alter zwischen vier und 27 Jahren. Ihre Namen sind auf einer kleinen Metallplatte in der stillen Wohnstraße eingraviert. Mevlüde Genç verlor hier zwei Töchter, Enkelinnen und eine Nichte. 14 Familienmitglieder überlebten mit teils schwersten Brandverletzungen. Die 70-Jährige, die ein Kopftuch trägt und stets türkisch spricht, besucht einmal im Monat den Ort. „Wenn sie nicht hinginge, würde sie sich nicht wohlfühlen“, sagt ihr Dolmetscher.
Seelische Belastung
Noch immer wacht Mevlüde Genç mit dem Schmerz auf und geht mit ihm schlafen. Reden will sie über die Geschehnisse und ihre Gefühle nicht mehr. „Das wird mich bis an mein Lebensende begleiten“, sagt sie nur. Die seelische Belastung ist groß. Verbittert ist sie trotzdem nicht: Kein Hass, kein Rachegefühl, keine Anklage gegen das Land oder die Stadt, in der sie seit 43 Jahren lebt, kommt über ihre Lippen. Stattdessen ruft sie zu gegenseitigem Respekt, friedlichem Miteinander und Mitmenschlichkeit auf. Die Gençs sind in Solingen geblieben, und die Stadt ist dankbar dafür. In der aufgewühlten Stimmung nach dem Brandanschlag, als wütende türkische Jugendliche durch die Stadt zogen, meldete sich das weibliche Oberhaupt der Familie zu Wort. „Lasst uns Freunde sein“, sagte damals Mevlüde Genç in einem ergreifenden Appell.
Seitdem tritt sie immer wieder für Verständigung und Dialog ein, hat das Bundesverdienstkreuz bekommen und den Bundespräsidenten mitgewählt. Woher nimmt diese Frau die Kraft, trotz ihrer traumatischen Erlebnisse immer wieder für ein positives Miteinander zu werben? An erster Stelle nennt sie ihren muslimischen Glauben: Sie beziehe ihre Stärke aus ihrer Beziehung zu Gott und aus dem Wunsch, Vorbild zu sein für gegenseitige Achtung und Nächstenliebe. „Für mich sind alle Menschen gleich, unabhängig von Herkunft und Religion“, betont sie.
Die Familie nimmt an der offiziellen Gedenkfeier der Stadt teil und begrüßt die Gäste gemeinsam mit Oberbürgermeister Norbert Feith (CDU). Die Industriestadt nimmt den traurigsten Tag in ihrer Geschichte zum Anlass, auch nach vorn zu schauen. Während der Gedenkveranstaltung wird der „Silberne Schuh“ verliehen. Der Preis würdigt mutiges Eintreten für Minderheiten.
Die Stadt hat das Erbe angenommen: Man müsse es als Auftrag gestalten, sagt der Oberbürgermeister. Die Integrationsarbeit der Industriestadt ist inzwischen anerkannt, es gibt feste Verbindungen zu Zuwanderern. Als etwa im Mai 2012 radikale islamistische Salafisten in Solingen einen Stützpunkt aufmachten, formulierten Stadt und muslimische Vereine eine gemeinsame Erklärung und organisierten ein Informationsprogramm.
Gerechte Strafe
Was in der Nacht zu Pfingstsonnabend 1993 geschah, erzählt Mevlüde Genç ihren kleinen Enkeln bis heute nicht. „Sie werden im Erwachsenenalter erfahren, was genau passiert ist“, sagt die 70-Jährige. Die Täter hätten eine gerechte Strafe erhalten, bekräftigt die Frau mit dem ernsten Gesichtsausdruck. Drei hatten Jugend-Höchststrafen von zehn Jahren, einer hatte 15 Jahre Haft bekommen. „Da die Strafe abgesessen ist, ist das Thema insoweit erledigt“, sagt die gläubige Muslimin. Alles andere betreffe die Zeit nach dem Tod.
Seit einem Jahr hat Solingen einen Mercimek-Platz, benannt nach dem türkischen Heimatort des Ehepaares, das seit mehr als 40 Jahren in der Stadt lebt und die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Hier sei ihre Heimat, sagen Mevlüde und ihr Mann Durmus Genç. Nicht eine Sekunde habe sie nach dem Brandanschlag daran gedacht, in die Türkei zurückzugehen: „Ich verbinde sehr viel Positives mit Solingen. Ich fühle mich hier wohl und habe hier meine Familie, meine Freunde und meine Nachbarn.“
Ihr 49-jähriger Sohn Kamil verlor bei dem Anschlag zwei Töchter und träumt immer noch davon, erzählt er mit Tränen in den Augen in Anwesenheit seiner Mutter. Doch auch er will in Solingen bleiben: „Das ist meine Stadt.“
