Berlin - Urlaub beim Diktator in einem Schurkenstaat? Machthaber Kim Jong Un bittet in Pjöngjang darum. Relaxen in Krisenregionen? Bewerber buhlen gleich im Dutzend um zahlungskräftige Touristen auf der Internationalen Tourismus Börse in Berlin (ITB). Die vom Auswärtigen Amt mit Reiseverboten etikettierten Staaten geben sich ein regelrechtes Stelldichein auf der weltgrößten Tourismusbörse. Abenteuer und Nervenkitzel – das gibt’s garantiert zum Reisepreis dazu. Die Palette reicht von Mali bis Irak und Jemen. Nur Afghanistan ist diesmal nicht gekommen, wirbt lieber per Internet für Direktflüge nach Kabul und Masar-i-Sharif sowie für internationale Sternehotels – bequem online buchbar.
Wem der Kick an der Nordseeküste mit Sandstrand und Wattschlick nicht reicht, kann sich im kommunistischen Nordkorea umsehen – wenn es die Zensur erlaubt. Die Suchmaschine Google wirft zwar nach den Eingaben Tourismus für das post-stalinistische Regime den Begriff „Todesstrafe“ aus, aber freundlich bittet die nationale Tourismusbehörde in Halle 26 um Buchungen. Mit ein paar Hinweisen: „Bitte halten Sie im Gespräch mit Reiseleitern Ihre politische Meinung zurück“. Verboten sei leider auch, „dass politische System zu kritisieren“. Ansonsten dürfen man nur nicht Militärs und „Menschen bei schwerer körperlicher Arbeit“ fotografieren. Und wem es doch passiert? Macht nichts. Freundliche Grenzbeamte kassieren solches Bildmaterial bei der Ausreise wieder ein. Einem Erholungsurlaub in Nordkorea steht also nichts im Weg.
Ausspannen bei Islamisten? Das „authentische Afrika“, so wirbt Mali für sich, öffnet seine Grenzen für Trips in die umkämpften Gebiete. Ob Goa, Kidal oder die Wüstenstadt Timbuktu – „Mali Travel Tours“ organisiert alles. Nur der Hinweis auf die hochgerüsteten französischen Kampftruppen fehlt in der Broschüre.
Der Jemen präsentiert sich trotz Al Kaida und anderer Terrorgruppen als „gastfreundliches Land“. Kameltouren, Stippvisiten bei Nomaden oder Basar-Bummel – da kann man die regelmäßigen Entführungen von Ausländern glatt vergessen.
Syrien preist sein Hotelangebot. „Billig und günstig“, lautet das Versprechen. „Jetzt buchen und 50 Prozent sparen“, wirbt eine Hotelkette. Und wer näher ran will an den Bürgerkrieg – kein Problem: Das passende Mietauto für „bombige“ Eindrücke findet sich bei „Sixt Syria“.
Auch der Irak – praktischerweise direkt neben dem Iran in Halle 7 – lädt zu Ausflügen ein. Außer Bagdad auch nach Kurdistan. Reisebüro-Agenten weisen auf die hohen Sicherheitsstandards im Land. „Ein Wagen mit bewaffneten Bodyguards fährt immer vorne weg“, heißt es. Da kann ja nichts schiefgehen.
Von den Bürgerkriegsländern fehlen eigentlich nur Tschad und Somalia. Der umkämpfte Süd-Sudan gibt dagegen schon seine Visitenkarte ab. Mit „Bahr El Jebel Safaris“ geht’s in Gebiete „die kein Tourist seit 25 Jahren gesehen hat“. Selten auf dem Landweg, sondern mehr mit Kleinflugzeugen oder Flussbooten über den Weißen Nil – zur Sicherheit. Damit kann man auch bequem an die Grenzen zum Kongo fahren – beim Auswärtigen Amt auf der höchsten Index-Stufe. Kein Problem, beruhigen die Veranstalter: Umgeschulte, eingeborene Löwen-Jäger beschützen die Touristen.
Wem der Süden zu unsicher ist, kann in der gleichen Ausstellungshalle 21 zum Nord-Sudan gehen. Das Militär in dem Land gilt als hochgerüstet – für die Kämpfe mit dem Süden. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag sucht zwar Sudans Präsidenten Umar al-Baschir wegen Menschenrechtsverbrechen.
Aber auch Al Kaida-Gründer Osma bin Laden hat sich dort sicher gefühlt. Und im Spa des 5-Sterne-Hotels Corinthia in der Hauptstadt Khartoum vergisst man solche Gedanken ganz sicher schnell.
Oder doch zu viel Nervenkitzel? Der Massen-Tourismus sucht eher friedliche Ziele. Rund um den Globus reisten im vergangenen Jahr eine Milliarde Menschen. Asien wuchs in Zahlen (plus 8 Prozent) am stärksten, gefolgt von Afrika (6 Prozent), Nord- und Südamerika (4 Prozent) sowie Europa (3 Prozent).
Teils schwere Einbußen verzeichneten der Nahe und Mittlere Osten, einschließlich Ägypten, wegen der sogenannten Arabellion – der Protestserie in der arabischen Welt.
Zu den begehrtesten Destinationen entwickeln sich China mit Wachstumsraten von 42 Prozent und Russland mit 31 Prozent. In Europa bieten weiter das Mittelmeer – hier vor allem Mallorca – die heißesten Ziele. Aber auch die Türkei und Griechenland locken kräftig.
„Gerade Hellas feiert 2013 ein Comeback bei stabilen Preisen“, freut sich Marcio Favilla de Paula vom Welttourismusverband. Experten rechnen in den kommenden Monaten mit einem Zuwachs von weltweit bis zu vier Prozent beim Wachstum in der Reisebranche. Schwer im Trend: Städtetouren. Sie entwickeln sich zu wahren Magneten auf der Beliebtheitsskala.
