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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

                                    Schüsse und viele Fragen

27.06.2013

Bad Kleinen /Schwerin Polizisten mit der Waffe im Anschlag, Tumult auf dem Bahnsteig. Die Bilder von dem Polizeieinsatz am 27. Juni 1993 gegen RAF-Terroristen im mecklenburgischen Bad Kleinen haben sich tief eingegraben ins Bewusstsein der Einwohner. Manche der Szenen spielen sich nun erneut ab. Doch diesmal sind es Schauspieler, die für eine Fernsehdokumentation die folgenschwere Jagd auf das flüchtige RAF-Duo Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld vor 20 Jahren nachstellen.

Beim Versuch der Festnahme kamen sowohl Grams als auch der Angehörige der Polizei-Spezialeinheit GSG 9, Michael Newrzella, bei einer wilden Schießerei ums Leben. Die Ereignisse katapultierten das mecklenburgische Bad Kleinen in die Schlagzeilen, erschütterten das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat und führten zu einer regelrechten Staatskrise.

Der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) sah sich nach dem Bekanntwerden erheblicher Pannen bei dem Zugriff zum Rücktritt veranlasst: So trugen die Elitekämpfer der GSG 9 keine schusssicheren Westen, ihre Kommunikation untereinander war unzureichend, ein Notarzt war nicht vor Ort.

Generalbundesanwalt Alexander von Stahl musste nach Berichten über teilweise dilettantische Ermittlungsfehler seinen Posten räumen. Grams Leiche soll vor der Sicherung von Schmauchspuren gewaschen worden sein, Reisende fanden Tage später am Bahnhof Geschossteile.

Meist nur noch an Jahrestagen wie diesem wird die Nation an ein Kapitel ihrer Geschichte erinnert, in dem linke Fanatiker mit Entführungen und Mordanschlägen den Rechtsstaat herausforderten. 34 Morde werden der Roten Armee Fraktion (RAF) seit Beginn ihres Terrors 1970 zugeschrieben, beim letzten stirbt 1991 Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder. Im Jahr 1998 gab die RAF ihre Auflösung bekannt.

Doch vor dem Ende der RAF kam Bad Kleinen. Ein eingeschleuster Informant, dessen Existenz lange bestritten wurde, hatte die Fahnder auf Hogefelds Spur gebracht. Sie galt als eine Leitfigur der dritten RAF-Generation und wurde wegen mehrfachen Mordes gesucht. Im Frühsommer 1993 sollte sie endlich gefasst werden. Doch der Einsatz auf dem Provinzbahnhof zwischen Schwerin und Wismar war offenbar schlecht geplant – er nahm eine Wende mit dramatischen Folgen.

Zwar gelang es der Polizei, die mit rund 100 Beamten Stellung bezogen hatte, Hogefeld im Bahnhofstunnel zu überwältigen. Dass sie vom ebenfalls gesuchten RAF-Mitglied Grams begleitet wurde, war den Beamten aber offenbar nicht bewusst. Grams stürmte auf den Bahnsteig, eröffnete das Feuer, traf den Ermittlungsakten zufolge den Polizisten Newrzella und wurde schließlich selbst von mehreren Kugeln niedergestreckt. Tödlich war ein Kopfschuss, den sich der damals 40-jährige Grams selbst beigebracht haben soll.

Doch diese Darstellung wird bis heute immer wieder infrage gestellt. Mittlerweile als zweifelhaft eingestufte Zeugenaussagen hatten seinerzeit Spekulationen angeheizt, wonach ein Polizist dem schwer verletzten Grams die Waffe entwunden und ihn dann mit einem gezielten Kopfschuss umgebracht haben soll.

Für eine solche Exekution von Staats wegen habe sich kein haltbarer Beleg finden lassen, betont der Sprecher der Schweriner Staatsanwaltschaft, Stefan Urbanek. „Der Fall wurde von oben nach unten, von rechts nach links und auch diagonal geprüft, das Verfahren danach eingestellt“, erklärt Urbanek, nach dessen Angaben die Ermittlungsergebnisse 31 Büroordner füllen. Gründe, die Akten wieder zu öffnen, seien nicht erkennbar. Mehrere Beschwerden gegen die Verfahrenseinstellung seien zurückgewiesen worden.

Auch Grams Eltern, die sich mit dem Selbstmord-Szenario nicht zufriedengeben wollten, strengten mehrere Prozesse an, um die Schuld der Staatsmacht feststellen zu lassen – ebenfalls ohne Erfolg. Für Hogefeld, die sich später vom RAF-Terrorismus distanzierte, öffneten sich 2011 die Gefängnistore nach 18 Jahren. Die heute 56-Jährige wurde auf Bewährung vorzeitig entlassen.

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