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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Seite an Seite mit der Kanzlerin

30.08.2016

Berlin Die Kontaktaufnahme gelingt auf Deutsch. Seit fünf Monaten geht Rodin Saouan zum Unterricht, montags bis freitags jeweils vier Stunden. Grundkenntnisse hat er schon. Das liegt auch an seiner deutschen Freundin. Stolz stellt er sie bei dem Treffen in Alt-Tegel in Berlin vor. Es geht um die Bilanz eines Flüchtlings aus Damaskus, eines 26-jährigen Bauernsohnes, der nicht den Krieg, sondern die Zukunft suchte, als er im Dezember 2014 sein Land verließ. Und es geht um ein Selfie mit der Kanzlerin.

Saouan ist einer der wenigen Männer, die am 10. September 2015 vor der Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Spandau mit dem Handy ein Foto von sich und Angela Merkel machen konnten. Das schafften damals nur noch ein paar weitere Flüchtlinge.

Retterin in der Not

Die Euphorie der Männer war an dem Tag groß. Merkel kannten sie schon vorher von Bildern, sie war für sie die Retterin in der Not. Die, die die Tür nicht zuschlug, als sie um Hilfe baten. Und nun lief diese Frau an ihnen vorbei. Merkel gab ihren Sicherheitskräften ein Zeichen, dass sie nicht eingreifen müssen. Sie fühlte sich nicht bedroht.

Das Ganze währte nur kurz, aber die Selfies waren gemacht und gingen um die Welt. Saouan kam damit sogar im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera zu Ruhm, berichtet er. Merkel brachten die Selfies dagegen viel Kritik ein. Sie habe damit weitere Flüchtlinge angelockt, wird ihr bis heute vorgeworfen.

Ein Jahr nach der „Wir-schaffen-das“-Aussage der Kanzlerin kocht die Debatte über die Integration der Flüchtlinge erneut hoch. SPD-Chef Sigmar Gabriel kritisierte am Wochenende im ZDF-Sommerinterview die Kanzlerin und die CDU: „Es reicht nicht, wenn sie ständig sagen ,Wir schaffen das‘, sondern sie müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir es auch hinkriegen.“

Als vor einem Jahr die Bilder von völlig erschöpften Flüchtlingen in Budapest um die Welt gehen, als Ungarns Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die wartenden vorgeht, bewilligen Merkel und Österreichs damaliger Kanzler Werner Faymann die Einreise Tausender Flüchtlinge. Was eine Ausnahme sein soll, entwickelt eine eigene Dynamik. In mehreren Sonderzügen kommen mehr als 20 000 Menschen, die in Budapest gestrandet waren, allein am 5. und 6. September 2015 in München an. Dort werden sie mit Applaus empfangen. Doch von der damals gezeigten „Willkommenskultur“ scheint vielerorts nicht mehr viel geblieben zu sein.

Auch Saouans Begeisterung für Deutschland ist getrübt. Er hätte nicht gedacht, dass alles so schwierig hier ist. Die Anforderungen an eine Arbeit oder, dass er noch viel besser Deutsch können müsste, um etwa in einer Reinigungsfirma zu arbeiten.

Im Boot über die Ägäis

Manchmal hat er Heimweh, findet seine Flucht sinnlos. „Ich hatte in Syrien keine Zukunft, aber in Deutschland habe ich vielleicht auch keine.“ Er darf jetzt bis zum 23. März 2019 bleiben. Er will unbedingt eigenes Geld verdienen. Geflohen sei er, weil er Angst hatte, in den Krieg ziehen und töten zu müssen. Oder getötet zu werden.

Fragen zu seinen Erinnerungen an Zabadani – einst ein Kurort und später Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Assads Truppen und Gegnern des Regimes – oder zu seiner siebenmonatigen Flucht nach Deutschland beantwortet der Sunnit äußerst knapp. „Was in Syrien ist, weiß doch jeder.“ Er träumt von einem Job und davon, seine Eltern besuchen zu können – eben „von einem richtigen Leben“.

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